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Rana Hamadeh: Standard_Deviation II

06. Juli 2022 - 03. Oktober 2022

Rana Hamadehs opernhafte Praxis verwischt die Grenzen zwischen bildender Kunst, Theater und der Produktion von Ausstellungen und erprobt dabei verschiedene Modelle kollektiven Denkens und kollektiver Untersuchungen. Ihre langfristig angelegten Projekte entwickeln sich in aufeinanderfolgenden Kapiteln und manifestieren sich in umfangreichen Klangkompositionen mit komplexen Netzwerken, maschinellen Interaktionen, audiovisuellen Installationen, Bühnenbildern, Texten und Dialogen. Ihr Werk durchdenkt vor allem die Infrastrukturen und Technologien der – sprachlichen, juristischen und performativen – Gerechtigkeit, wobei Gerechtigkeit durch die Modalitäten der Messung, des Spektakels und der „maschinellen Oper“ verstanden wird.

Hamadehs Einzelausstellung Standard_Deviation II wird das gesamte Edith-Russ-Haus einnehmen. Sie umfasst eine neue zeitbasierte Klang-, Bild- und Netzwerkmedien-Installation, die sich über die beiden Etagen des Gebäudes erstreckt und die Ausstellungsräume in eine lebendige, atmende „Theatermaschine“ verwandelt. Diese nach allen Seiten greifende, kakofonische Installation ist die neueste Fortsetzung von Hamadehs Serie Standard_Deviation, die wiederum Teil ihres übergeordneten diskursiven Langzeitprojekts The Destiny Project (seit 2020) ist.

The Destiny Project untersucht, wie das Begehren im globalen öffentlichen Diskurs der Gegenwart produziert und konsumiert wird, wie es zirkuliert und zum Ausdruck kommt. Das Projekt widmet sich insbesondere den Ökonomien, Technologien und Schicksalen/Destinationen des Begehrens, die sich auf Gebieten wie der prädiktiven Analyse und in neuen Praktiken der Datengerechtigkeit und der algorithmischen Gerechtigkeit manifestieren und von diesen beeinflusst werden.

Standard_Deviation II nutzt die grundlegende Erzählung der sophokleischen Tragödie König Ödipus als Mittel, um über die Beziehungen zwischen Begehren, Reproduktion, Herkunft und Selbstähnlichkeit nachzudenken. Das Werk bietet keine Nacherzählung des erschütternden Unglücks von Ödipus, König von Theben, dessen schmerzhafter Weg der Selbstfindung sich auf dem Höhepunkt der thebanischen Pest vollzieht; vielmehr liefert Standard_Deviation II eine Interpretation des sophokleischen Stücks – das heißt, von Sophoklesʻ „Darstellung der Tragödie“ – als Maschine und Technik des Aushaltens.

Neben anderen Eingriffen in die antike Erzählung verlagert Hamadehs Arbeit den Fokus von Ödipus auf dessen Vater, der – dem Mythos zufolge – der ursprüngliche Empfänger der prophetischen Verfluchung war, nachdem er den jungen Chrysippos, den Sohn des Pelops, angeblich entführt, vergewaltigt und ermordet hatte. Durch diese Verlagerung des Fokus wird die Geschichte neu lesbar als eine „Tragödie der Reproduktion aufgrund von Herkunft und Selbstähnlichkeit“: Ist es das Schicksal eines jeden Öpidus, zu seinem eigenen Vater zu werden? Ist es das Schicksal eines jeden Stellvertreters, zu seinem Original zu werden?

In Standard_Deviation II werden historische Materialien in einer Reihe von automatisierten Operationen bearbeitet, um aktuelle Fragen zu behandeln; gleichzeitig wird mit visuellen und klanglichen Sprachen experimentiert, um ein neues Vokabular zu erzeugen, das Technologie und Mythos miteinander verbindet. Diese Transformation von 3D-Animationen in eine zeitbasierte, visuelle und akustische Netzwerkmedien-Ausstellung entspricht Hamadehs kontinuierlichem Experimentieren mit den Möglichkeiten der Remedialisierung: Wie ermöglicht man einem Medium, sich in ein anderes Medium einzufügen und in diesem zu funktionieren? Diese Methode verstärkt, verkompliziert und destabilisiert die Auseinandersetzung der Betrachtenden mit der ihnen vorgeschriebenen Rolle als Publikum.

Das fragmentierte Bildmaterial von Standard_Deviation II, das zwischen Traum und Trance, Horrorszenarien und phantasmagorischen Tableaux vivants oszilliert, erinnert an Videosequenzen aus einem Computerspiel. Diese Bilder übersetzen die Akte von König Ödipus in eine Abfolge virtueller Räume, wobei die (alb-)traumhaften Schauplätze und der verwirrende Ton die Stationen dieser intensiven emotionalen Reise der Tragödie nachvollziehen, wiedergeben und erweitern. So bildet die Arbeit die Topografie der dramaturgischen Konstruktion des antiken Stücks ab und folgt den Crescendos und Decrescendos seiner Anspannungen und Ängste, seiner zeitlichen und psychologischen Verwicklungen und Formen der Anrede – alles dies vor dem Hintergrund paralleler Geschichten, Fiktionen, Symbole, Codes und Beziehungen.

Ein System aus interagierenden Klangzonen und vernetzten Installationen, das sich über die beiden Etagen des Edith-Russ-Hauses erstreckt, dient als strukturierende Partitur, um die Bewegung des Publikums durch den Raum zu lenken, aber auch als dramaturgische Markierung der Intensitäten dieser Arbeit. Dabei wird der reale Raum des Edith-Russ-Hauses zu einer Erweiterung der architektonischen Räume, die Hamadeh ursprünglich für die 3D-modellierten Welten des ersten Kapitels von Standard_Deviation entworfen hatte. Ein Netzwerk aus programmierten Geräten greift in dieses akustische und visuelle System ein und bildet eine Brücke zwischen den Maschinen, die im Animationsfilm und in der Realität des Ausstellungsraums funktionieren. Die Ausstellung ist kakophonisch und immersiv und beruht auf miteinander verflochtenen erzählerischen, affektiven und maschinellen Operationen.

Aus dem sophokleischen Verständnis der Tragödie lassen sich aktuelle Fragen entwickeln, die die Beziehungen zwischen dem Begehren und dem Schicksal sowie ihren Reproduktionsökonomien betreffen. Auch wenn es sich bei König Ödipus um einen antiken Text handelt, ist dieser auch heute noch ein vielseitiges Instrument, um diese Beziehungen nicht nur zu durchdenken, sondern sie in den aktuellen Debatten über Technologien und Medialisierung zu verorten. Standard_Deviation II wirft die Frage auf, wie wir heute – in einer hypermedialisierten sozialen Wirklichkeit – das Tragische ausdrücken und thematisieren können. Und könnte uns diese erweiterte Herangehensweise an die Medialisierung und Remedialisierung ermöglichen, die Welt nicht nur anders zu erleben, sondern auch anders zu begehren?

Rana Hamadeh war 2021 Preisträgerin des Stipendiums der Stiftung Niedersachsen für Medienkunst am Edith-Russ-Haus.

Die Ausstellung wird gefördert von: Mondriaan Fonds, Stiftung Niedersachsen, Niedersächsisches Ministerium für Wissenschaft und Kultur, OLB-Stiftung, Königreich der Niederlande. In Kooperation mit: Photoforum Pasquart, FLACC.

Edith-Russ-Haus für Medienkunst, Katharinenstraße 23, D-26121 Oldenburg, Tel.: +49(0)441/235-3208, Fax.: +49(0)441/235-2161
Öffnungszeiten: Dienstag - Freitag 14 - 18 Uhr, Samstag - Sonntag 11 - 18 Uhr, Montag geschlossen info@edith-russ-haus.de
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