Stipendien 2021

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Stipendien der Stiftung Niedersachsen für Medienkunst 2021 am Edith-Russ-Haus

Die Jury, die ihre Entscheidungen im Rahmen einer Online-Sitzung traf,  bestand aus Cosmin Costinas, Emily Pethick, Edit Molnár und Marcel Schwierin.

Ermöglicht durch die Stiftung Niedersachsen vergibt das Edith-Russ-Haus für Medienkunst im Jahr 2021 wieder drei Stipendien zur Förderung künstlerischer Arbeiten im Bereich der Medienkunst, die mit jeweils 12.500 Euro dotiert sind. Diese gehen an: Rana Hamadeh für ihre Arbeit „Just Machines“, Jim Jasper Lumbera für sein Projekt „The Black Dog Which Causes Cholera“ und Hira Nabi für ihr Werk „How to Love a Tree“. Insgesamt hatten sich 483 Künstlerinnen und Künstler aus aller Welt für die drei Produktions- und Aufenthaltsstipendien beworben.

„Die Preisträger auszuwählen war nicht einfach: Nicht nur, dass wir die bisher größte Anzahl an Bewerbungen erhalten haben, auch die hohe Qualität der Einreichungen machte die Entscheidung über die letzten drei Preisträger schwierig“, sagt Edit Molnár aus dem Leitungsteam des Edith-Russ-Hauses. „Diese Aufgabe brachte der Jury aber auch eine große intellektuelle Bereicherung beim Nachdenken über die vorgeschlagenen Projekte.“ In der Jury  waren in diesem Jahr Emily Pethick (Leiterin der Rijksakademie, Amsterdam), Cosmin Costinas (Leiter von Para Site, Hong Kong), sowie Edit Molnár und Marcel Schwierin (Leitung Edith-Russ-Haus).

Viele der künstlerischen Projekte wurden unter dem Druck und den Bedingungen der laufenden Pandemie geplant, aber ihre Interessen und Anliegen gingen weit über deren Grenzen hinaus und stellten ambitionierte Versuche dar, über große Themenfelder nachzudenken. „Wir entdeckten mehrere wiederkehrende Themen, wie zum Beispiel sich verändernde Zukunftsszenarien vor dem Hintergrund der Klimakatastrophe, die Herausforderungen der Migrationsbewegungen, die Transformation des Kunstobjekts in Bezug auf den Status des Museums in einer postkolonialen Kulturlandschaft, mentale Fragilität und die Möglichkeiten für neue Formen der Verbundenheit“, erläutert Marcel Schwierin vom Leitungsteam.

 

Über die Preisträgerinnen und Preisträger und ihre Projekte:

 

Rana Hamadeh

Produktionsstill aus The Destiny Project, work-in-progress © Rana Hamadeh 2020ff

Der ambitionierte Antrag von Rana Hamadeh berührte mehrere dieser Themen. Sie wird ihre vorgeschlagene Arbeit, „Just Machines“, eine Mehrkanal-Videoinstallation, während des gesamten Jahres 2021 als Teil des Dachprojekts „The Destiny Project“ entwickeln. Die Künstlerin schreibt: „Das Projekt untersucht insbesondere die Produktion, den Konsum, die Zirkulation und die Artikulation von ,Begehren‘ innerhalb des zeitgenössischen globalen öffentlichen Diskurses. Es richtet sich auf die Ökonomien, Technologien und Schicksale/Destinationen,öffentlicher Begehrlichkeiten‘, wie sie sich in Bereichen wie Finanzen, KI, prädiktiver Analytik und den aufkommenden Praktiken rund um algorithmische Gerechtigkeit manifestieren.“

Die Jury war besonders an ihrem Ansatz interessiert, zeitgenössische Fragestellungen durch die Überarbeitung von historischem Material anzusprechen und dabei mit visuellen Sprachen zu experimentieren, um so ein neues Vokabular zu etablieren, welches Mythologien und neue Technologien verbindet. In dieser speziellen Arbeit wird Hamadeh die vernetzten Strukturen der sophokleischen Tragödie Oedipus Rex in eine Reihe von virtuellen Räumen und Szenen übersetzen.

Ihre Arbeit zielt auf Komplexität – anstatt Dinge zu destillieren und herunterzubrechen –, um eine Erfahrung der unzähligen Verflechtungen des Lebens zu ermöglichen. „Just Machines“ setzt die kontinuierliche Auseinandersetzung der Künstlerin mit den sprachlichen, rechtlichen und performativen Infrastrukturen und Technologien der Justiz fort und wendet sich diesmal der zutiefst relevanten Frage nach dem „Begehren“ als treibender Kraft unserer Gesellschaft zu.

 

Jim Jasper Lumbera

The First Sighting Of The Black Dog's Ghost © Jim Jasper Lumbera

Das fantasievolle und kreative Werk von Jim Jasper Lumbera beschäftigt sich intensiv mit Archiven und Elementen indigener Folklore, um Erzählungen und Verknüpfungen herzustellen, die in der Gegenwart relevant sind. Er bewegt sich gekonnt durch verschiedene Medien und künstlerische Sprachen und setzt sich sensibel mit spirituellen Praktiken und Mythologien der Philippinen auseinander.

Der jüngste Teil seines Projekts „The Black Dog Which Causes Cholera“ beschäftigt sich mit der kolonialen Geschichte der Philippinen, zeigt aber auch eigentümliche Resonanzen mit der aktuellen Pandemie. Lumbera hat 7.000 Bilder von Bewegung und Widerstand gesammelt – sie zeichnen die Rückeroberung von Gebieten durch Straßenhunde während der Ausgangssperren 2020 auf den Philippinen nach. Seine Installation wird das traditionelle Format von 35-mm-Dias mit zeitgenössischen hochauflösenden Live-Feed-Videobildern kombinieren.

Der Künstler erklärt: „Die Arbeit initiiert die Schaffung einer Begräbnisstätte für die Geister unserer kolonialen Vergangenheit, die in den Grenzrahmen des kolonialen Blicks in der Fotografie gefangen sind, der die Seelen unserer Identität und Geschichte verbarg. Der Vorschlag beinhaltet den Bau eines Denkmals auf der Massengrabstätte der Choleraopfer während des Krieges um 1900, in dem Ort, der zufällig meine Heimatstadt ist und wo ein Vulkan im Herzen des Sees ruht. Das lange Spektakel meiner Stadt ist die Verfolgung unserer Mythen und ihre kontinuierliche Manifestation in unserem aktuellen sozialen Klima.“

Das Hauptziel von Lumberas Projekt ist es, die koloniale fotografische Rahmung unserer zeitgenössischen biometrischen Perspektive zu brechen, sowie den Fluch des kolonialen Blicks in der Fotografie und der globalen Geschichte zu identifizieren und aufzuheben. Auch der humorvolle Unterton von Lumberas Ansatz entging der Jury nicht, und wir schätzten sein sensibles Geschichtenerzählen durch Bilder. Lumbera wird das Projekt in Zusammenarbeit mit dem Filmemacher Joey Singh entwickeln.

 

Hira Nabi

Produktionsstill aus How To Love a Tree, work-in-progress © Hira Nabi 2021

„Wie können wir in einer zerstörten Landschaft mit der Natur koexistieren?“, fragt Hira Nabis neues Projekt, das in Form von zwei Bewegtbildarbeiten und einem Audiowalk realisiert werden soll. Um den kollektiven Charakter ihrer Kunst und ihre Bedenken hinsichtlich der Neuinterpretation der postkolonialen Landschaft in Bezug auf die verschwindende Wildnis zu unterstreichen, plant Nabi außerdem, einen Teil ihres Stipendiums zu nutzen, um eine kommunale Aufräumaktion in Murree (Pakistan) zu organisieren, die Mitte des neunzehnten Jahrhunderts als Garnisonsstadt und „Hill Station“ (Bergstation) für das koloniale britische Militär gegründet wurde.

Nabi schreibt: „Was geschah mit diesen Zwischenräumen des englischen Simulakrums im kolonialen Hinterland? Ich arbeite an einer kurzen Bewegtbildarbeit mit dem Titel ‚How to Love a Tree‘, die im Wald und der umliegenden Stadt Murree spielt. ... Diese Arbeit ist meine Betrachtung eines Ortes ökologischer Ruinen; sie ist mein Versuch, Erzählungen und Zeugnisse darüber zusammenzutragen, wie Rohstoffgewinnung und -erschöpfung befohlen wurden und wie ganze Spezies menschlicher und nicht-menschlicher Wesen unterjocht wurden, aber nicht ohne ihre Spuren der Widerstandsfähigkeit zu hinterlassen.“

Mit ihrem neuen Projekt stellt Nabi eine der zentralen Fragen, mit denen sich derzeit viele junge Künstler beschäftigen: Wie kann die moderne Gesellschaft eine Beziehung zur Natur aufbauen, die nicht auf den Prämissen von Beherrschung, Ausbeutung und Zerstörung beruht? „How to Love a Tree“ erweitert diese zentrale Frage, indem es filmische Beziehungen und botanische Migrationen in Südostasien erforscht, um zu versuchen, sich neue soziale Formen und Allianzen vorzustellen.

 

Stipendien der Stiftung Niedersachsen für Medienkunst 2019 am Edith-Russ-Haus

Ermöglicht durch die Stiftung Niedersachsen vergibt das Edith-Russ-Haus für Medienkunst jedes Jahr drei sechsmonatige und mit jeweils 10.000 Euro dotierte Arbeitsstipendien. Insgesamt hatten sich 436 Künstlerinnen und Künstler aus aller Welt für die Stipendien beworben.

Wir freuen uns, die Vergabe der Stipendien an Viktor BrimMario Pfeifer und Kim Schoen bekanntzugeben.

Die Jury bestand aus:

• Nav Haq, Senior Kurator M HKA, Antwerpen
• Edit Molnár, Leiterin Edith-Russ-Haus, Oldenburg
• Marcel Schwierin, Leiter Edith-Russ-Haus, Oldenburg
• Monika Szewczyk, Direktorin De Appel, Amsterdam

 

Jurystatement

Bei einer Höchstzahl an Bewerbungen, die in der Geschichte des Stipendiums je eingereicht wurden, war die Jury von der hohen Qualität der Projektvorschläge beeindruckt. Während einige gemeinsame Themen und Tendenzen erkennbar waren, wurde die endgültige Auswahl aufgrund der Sorgfalt der Recherche, der ästhetischen Qualität und der Klarheit der Vision der individuellen Künstler getroffen. Mit der Vergabe dieser Stipendien wird die Produktion je einer wichtigen neuen Arbeit im Œuvre der drei ausgewählten Künstler ermöglicht, die sich alle mit heute sehr relevanten Themen beschäftigen.

 

Viktor Brim


Dark Matter - Filmstill © Viktor Brim 2019

Brims Projektvorschlag Practical Fiction zeichnet ein Kontinuum zwischen der Rohstoffpolitik in der Sowjetunion unter Josef Stalin und in Wladimir Putins Russischer Föderation, insbesondere anhand des Beispiels der Diamantenmine Mir in Jakutien, Sibirien. Der Künstler wird einen Film, den er dort drehen wird, und eine neue Publikation, die seine Archivrecherchen über die sowjetische und russische Rhetorik versammelt, mit einer Auswahl weiterer Materialien zu einer Ausstellung kombinieren.
Während Brims bemerkenswerte filmische Arbeit eine komplexe Betrachtung der Auswirkungen verschiedener Regime auf eine bestimmte Landschaft bietet, lädt sein Fokus auf Sibirien auch zu einer umfassenderen Reflexion über Rohstoffausbeutung im weltweiten Maßstab ein.

 

Mario Pfeifer


Zelle 5 – Renderings/Production Stills © Mario Pfeifer Studio

Im Anschluss an seine Videoinstallation Again / Noch einmal (2018) führt Pfeifer in seiner neuen Installation Zelle 5 – 800 °Celsius die Untersuchung ungeklärter Vorfälle rund um den gewaltsamen Tod von Menschen, die in Deutschland Zuflucht suchten, fort. Während Again ein Tribunal anstelle eines Gerichtsprozesses, der nie stattgefunden hat, inszeniert – in diesem Fall für Schabas Saleh Al-Aziz, einen Iraker, der eine Woche vor dem Anhörungsverfahren gegen die vier Männer, die ihn, ihm Gewalttätigkeit unterstellend, in einem Supermarkt aufgegriffen und an einen Baum gefesselt hatten, an Unterkühlung starb –, wirft Zelle 5 neue Fragen über den Feuertod des aus Sierra Leone stammenden Flüchtlings Oury Jalloh auf, da Beweise zerstört wurden. Pfeifer aktiviert sein Publikum als Geschworene, während er zugleich die entscheidende Rolle von Medien und Vermittlung für die Bildung der gesellschaftlichen Meinung betont.

 

Kim Schoen


Kim Schoen, Video still from Baragouin, work-in-progress, 2019

Kim Schoen, die sich in den letzten zehn Jahren mit den Themen Unsinn und Wiederholung beschäftigt hat, wird mit der experimentellen Installation Baragouin (betitelt nach einem französischen Wort für unverständliches Kauderwelsch) einen Wendepunkt in ihrem Schaffen markieren. Mit dieser Arbeit verleiht die Künstlerin Objekten eine Stimme, nämlich Reproduktionen von Skulpturen, deren Ursprünge vom Buddhismus über das Rokoko und den Neoklassizismus bis zur Moderne reichen und die sie in einem (inzwischen geschlossenen) gewerblichen Ausstellungsraum in Los Angeles fand. Von der Hypothese ausgehend, dass der Handel eine lingua franca schafft, sieht ihr Projekt vor, mit dieser Gruppe von Skulpturen eine „Nonsens-Oper“ aufzuführen.
In Zusammenarbeit mit einem Kunsthistoriker und einem Stimmtalent, das den Klang von Sprachen aus der ganzen Welt imitieren kann, wird Baragouin die Skulpturen präsentieren, als „redeten“ sie in Stimmen, die mit ihrer ursprünglichen Herkunft verbunden sind. Durch diese kommerziellen Reproduktionen zusammen mit dem Echo von Sprachen wird der Museologie ein grotesker Spiegel vorgehalten.

 

 

Das Stipendium der Stiftung Niedersachsen am Edith-Russ-Haus für Medienkunst fördert ein breites Spektrum der Medienkunst, von Videokunst und netzbasierten Projekten bis hin zu Klang- oder audiovisuellen Installationen. Das Stipendium wird für die Produktion eines neuen Projekts im Bereich der Medienkunst vergeben. 

 

 

 

Die Vergabe der Stipendien wird von einer internationalen Jury entschieden.  


 
Für weitere Informationen wenden Sie sich bitte an:
info(at)edith-russ-haus.de; Tel.: 0441 235-3208

Edith-Russ-Haus für Medienkunst, Katharinenstraße 23, D-26121 Oldenburg, Tel.: +49(0)441/235-3208, Fax.: +49(0)441/235-2161
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