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Language for Sale

Internationale Gruppenausstellung mit Harun Farocki, Nicoline van Harskamp, Stefan Panhans, Elemér Ragályi, Peter Rose, Kim Schoen und John Smith
22. April 2021 - 13. Juni 2021
Eröffnung: 21. April 2021, 18:00 Uhr


Kim Schoen: Baragouin, 2021 (videostill)

Die internationale Gruppenausstellung Language for Sale stellt Nonsens in den Mittelpunkt. Die ausgestellten Arbeiten untersuchen nicht ohne Humor die Momente, in denen sich Sprache und Rhetorik verändern – ein Wandel, der durch die Zunahme von Nonsens-Sprache geprägt ist.

Die Ausstellung wurde angeregt durch eine neue Arbeit von Kim Schoen, die im Rahmen eines Stipendienprogramms am Edith-Russ-Hauses entstand. Schoen erforscht seit Jahren die Themen Nonsens und Wiederholung. Im Rahmen von Language for Sale zeigt sie erstmals ihre neue experimentelle Installation Baragouin (2021), die nach dem französischen Wort für „Kauderwelsch“ betitelt ist. In Baragouin gibt die Künstlerin Objekten eine Stimme, die sie in einem Skulpturengeschäft in Los Angeles gefilmt hat. Dort wurden Nachahmungen von Skulpturen verkauft, deren Ursprünge vom Buddhismus über das Rokoko und den Neoklassizismus bis in die Moderne reichen. Schoen geht davon aus, dass der internationale Handel eine eigene Lingua franca hervorbringt, und inszeniert eine „Nonsens-Oper“, in der die kopierten Skulpturen in Stimmen zu „reden“ scheinen, die auf die Herkunft ihrer mutmaßlichen Originale verweisen.

Auch die anderen Arbeiten der Ausstellung beschäftigen sich mit der Rhetorik als einer öffentlichen Überredungskunst und ihren aktuellen Krisen. Rhetorik ist ein problematisches performatives Genre: Sie kann Komplexes vereinfachen und so genutzt werden, andere zu inspirieren, aber auch zu beeinflussen. Die Kultur der politischen Rhetorik erfährt derzeit einen tiefgreifenden Wandel, der sich in aktuellen Reden und öffentlichen Verlautbarungen zeigt. Das Diskussionsklima verändert sich, da die rhetorische Kultur von verschiedenen Seiten unter Druck gerät, etwa durch verkürzte Aufmerksamkeitsspannen, durch das Misstrauen gegenüber Politik, oder durch von Wut getriebene Nutzung von Social Media.  Doch die grundlegendste Veränderung in der politischen Kommunikation wurde durch den Niedergang von komplexeren Argumentationsformen und von offenen Debatten ausgelöst: Die Funktion der Lüge wandelte sich von einer heimlich genutzten Waffe zum offen eingesetzten Propagandainstrument.

Die Arbeiten in Language for Sale gehen verschiedenen ideologischen Umbrüchen von den 1970er Jahren bis heute nach, die sich in der Verwendung von öffentlicher Rede zeigen; dabei konzentrieren sich die Kunstwerke vor allem auf die performativen Herausforderungen, die die Sprechenden zu überwinden versuchen, um diese Übergänge zu meistern.
Elemér Ragályis 1972 in Ungarn entstandener Dokumentarfilm Szónokképző iskola (Rednerschulung) begleitet einen Kurs, der staatliche Redner darauf vorbereitet, eine Bestattungszeremonie abzuhalten. Der Film offenbart den Kontrast zwischen den realen menschlichen Gefühlen bei solchen Anlässen, und der schmerzhaften Unangemessenheit der offiziellen Feierlichkeiten, die im sozialistischen Ungarn hastig erfunden wurden, um die traditionellen, zumeist religiösen Zeremonien zu ersetzen. Innerhalb der Ausstellung nimmt Ragályis Film eine Schlüsselstellung ein; diese beruht auf seiner Sensibilität für die Schwierigkeiten und das komische Potenzial von Reden in einem sich wandelnden ideologischen Kontext.
Ein weiterer Dokumentarfilm, der anhand eines Fortbildungskurses den Wandel der Zeit und die Komik von ungewolltem Unsinn untersucht, ist die Reportage Die Schulung (1987) von Harun Farocki. Er betrachtet ein fünftägiges Seminar, in dem Führungskräfte und Manager lernen sollen, „sich besser zu verkaufen“. Kaufleute waren immer schon darauf aus, etwas zu verkaufen, aber erst durch die Verbindung aus Psychologie und modernem Kapitalismus entstand die Idee, sich selbst zu verkaufen, die den Aufstieg des Neoliberalismus förderte.
Peter Roses Video The Pressures of the Text (1983) beschäftigt sich ausführlich mit der Grenze zwischen Sinn und Sinnlosigkeit im Sprechen über Kunst und in der Kunstkritik. Es verbindet direkte Ansprache, erfundene Sprachen, ideografische Untertitel, Zeichensprache und Simultanübersetzung, um den Eindruck und die Formen von Bedeutungsproduktion – das heißt, die veränderlichen Grenzen zwischen Bedeutung und Bedeutungslosigkeit – zu erforschen. The Pressures of the Text parodiert die Sprachen des artspeak oder critspeak, der Pädagogik, der Schauergeschichte und der Pornografie und wurde in den USA und Europa auch live aufgeführt.

Stefan Panhans macht aufwändige Videoarbeiten, deren Kulissen bis ins Detail ausgefeilt werden, während die Handlungen der Personen auf ein Minimum reduziert sind. In Sieben bis zehn Millionen (2005) starrt ein junger Mann mit Hip-Hop-Cap und kunstfellbesetzter Parka-Kapuze wie in einem Musikvideo in die Kamera und performt einen hysterischen, abgehackten Monolog, der von dem Dilemma handelt, ein nicht näher bezeichnetes digitales Endgerät zu kaufen. Er beklagt die aufreibende „Konsumarbeit“ – die tagtägliche Verunsicherung und die Anfälle von Paranoia, die der Elektronikmarkt in ihm
auslöst, was die Kaufentscheidung zu einer existenziellen und fast schon religiösen Frage erhebt.

Im Zentrum von Nicoline van Harskamps Video English Forecast (2013) und des Online-Sprachkursprojekts Englishes Mooc (2019-) steht der sich ständig wandelnde Zustand der dominanten internationalen Sprache – des Englischen. English Forecast ist eine Performance und eine interaktive Medienarbeit, die im Auftrag der Londoner Tate Modern entstand. English Forecast beobachtet ein Team von vier Personen, die rezitieren, was van Harskamp als mögliche zukünftige Klänge der englischen Sprache ausgemacht hat. Die Dialoge, die realen Gesprächen abgehört sind, schweifen zusammenhanglos von freundlicher Akzeptanz zu warnenden Worten. In Anbetracht der Bedrohung, die eine dominante Lingua franca für andere Sprachen darstellt, deutet die Künstlerin an, dass es sich bei der Arbeit sowohl um „eine Diskussion über den Erhalt von Sprachen“ als auch deren Anpassung und möglichen Zerfall handelt.

Englishes Mooc ist ein „Massive Online Open Course“, der für junge Kunstschaffende und ihr Publikum entwickelt wurde. Sie sollten ihr Englisch nicht mehr an einem „nativen“ Standard im internationalen Bereich messen. Wenn es an die Bedürfnisse seiner Nutzer angepasst wird, können neue Varianten des Englischen entstehen. Das Projekt hilft, praktische Fähigkeiten dazu zu entwickeln, sowohl mit voraufgezeichneten Vorträgen, als auch einer Plattform für Live-Diskussionen.

 

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