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NEGOTIATING THE LAW – DAS RECHT VERHANDELN

29. Oktober 2020 - 28. März 2021

Soloausstellung Mario Pfeifer


Mario Pfeifer: Zelle 5 – 800° Celsius, 2020 (video still)

Mit Das Recht verhandeln − Negotiating the Law thematisiert der Videokünstler und Filmemacher Mario Pfeifer in mehreren Installationen rassistische Gewalt.

In der großen Halle des Edith-Russ-Hauses eröffnet die Ausstellung mit der großformatigen Installation Again/Noch Einmal von 2018, die  sich mit einem Vorfall in der Nähe von Dresden 2016 auseinandersetzt, bei dem Shabaz al-Aziz, ein kurdisch-irakischer Geflüchteter, nach einem Streit mit einer Supermarktkassiererin attackiert und von vier ortsansässigen Männern an einen Baum gefesselt wurde. Bevor der Prozess gegen die vier Männer begann, wurde al-Aziz in einem Wald tot aufgefunden. Pfeifer rekonstruierte das virale YouTube-Filmmaterial des Angriffs auf Shabaz al-Aziz mit der Schauspielerin Dennenesch Zoudé und dem Schauspieler Mark Waschke und lud Menschen verschiedener Nationalitäten – die überwiegend als Migrantinnen und Migranten in Deutschland leben – dazu ein, als Geschworene aufzutreten und Fragen zu unserer Realitätswahrnehmung, zu Medienmanipulationen, zur Justiz sowie zu Gerechtigkeit und Demokratie zu stellen. Das Ausstellungspublikum wird virtuell Bestandteil dieser Jury und ist so aufgefordert, sich selbst ein Bild von den Ereignissen zu machen.

Das Werk #blacktivist aus dem Jahre 2015 ist ein Manifest gegen brutale Polizeigewalt, die selektive Anwendung von Gesetzen und den hohen Stellenwert von Selbstverteidigung mit Waffen. Die Arbeit, die Pfeifer zusammen mit der Rap-Gruppe Flatbush ZOMBiES aus Brooklyn konzipierte, integriert filmische Darstellungen von Polizeigewalt – festgehalten von Überwachungskameras und Body-Cams – in die Ästhetik eines konventionellen Musikvideos. Dies wird kombiniert mit Filmmaterial aus dem Internet, das Waffen verherrlicht und Angriffe wie Gegenangriffe zeigt, sowie mit der Dokumentation eines Waffenherstellers in Austin, Texas, der gewöhnliche 3D-Drucker nutzt und dadurch die Gesetze zum Waffenhandel und  -besitz in den USA vor Herausforderungen stellt.

Der konzeptionelle Ausgangspunkt der Ausstellung ist die neue Arbeit Pfeifers Zelle 5 – 800° Celsius. Sie beruht auf der künstlerischen Aufarbeitung von forensischen Materialien im zutiefst verstörenden Fall von Oury Jalloh, eines Sierra-Leoners, der in Deutschland Asyl gesucht hatte und 2005 in der Gewahrsamszelle 5 des Polizeireviers Dessau-Roßlau verbrannte.

Der Oury Jalloh-Komplex ist eine der umfassendsten und bis heute kontroversesten Fälle, der die Frage nach institutionellem Rassismus bei der Polizei in Deutschland aufwirft und darüber hinaus den Aufklärungswillen der Justiz grundlegend in Frage stellt. Der Künstler folgt diesem Fall in enger Zusammenarbeit mit der aktivistischen Bewegung Break the Silence – Initiative in Gedenken an Oury Jalloh.

„Mittels forensischer Untersuchungen wurde im Herbst 2019 festgestellt, dass Oury Jalloh physische Verletzungen vor dem Brandausbruch hatte, die in Frage stellen, ob er überhaupt noch bei Bewusstsein war. Ebenso war der Kohlenmonoxidgehalt in seinem Herzblut 0,0 Prozent. Diese rechtsmedizinischen Erkenntnisse offenbaren aus meiner Sicht vielerlei Fragen. Zelle 5 zitiert aus Dokumenten der Politik, Justiz und der aktivistischen Bewegung Break the Silence – Initiative in Gedenken an Oury Jalloh. Mit der Bereitstellung dieser Materialien, die sowohl in den Gerichtssälen, Untersuchungslaboren und den Medien ausgewertet wurden, möchte ich dem Publikum einen Einblick in die Erkenntnisse sowie in die Aufklärungsarbeit der Aktivisten, die für Gerechtigkeit und Verantwortung im Fall Jalloh kämpfen, ermöglichen. Es geht darum, Stellung zu beziehen und ihre Indizien in einem Raum vorzulegen, der ausschließlich der Repräsentation ihrer Erkenntnisse vorbehalten ist.“ – Mario Pfeifer

Die Installation Akt 1 erstreckt sich über drei Räume. Im Zentrum der beiden ersten Räume steht  das vielleicht wichtigste Beweisstück im Fall Jallohs, ein gewöhnliches Einwegfeuerzeug. Dieses Feuerzeug tauchte erst drei Tage nach der Sicherung des Tatorts auf, wobei die Ermittler angaben, dass es vorher übersehen worden sei. An diesem Beweisstück konnten weder DNA-Spuren von Jalloh noch Überreste von Materialien aus der Zelle gefunden werden. Stattdessen wurden Fremdfasern, fremde unbestimmte DNA und Tierhaare nachgewiesen. Der Künstler hat mit einem Brandexperten die Verbrennung eines solchen Einwegfeuerzeug rekonstruiert und zeigt damit auf, wie Beweisstücke nachträglich produziert werden können. Die Stimme der Oldenburger Schauspielerin Helen Wendt kontrastiert die hochauflösenden Aufnahmen des Experiments mit der juristischen  Sprache verschiedener Gutachten. Der dritte Raum ist der aktivistischen Arbeit der Initiative  gewidmet.

Akt 2 wird eine Live-Performance sein, bei der Schauspielende Gerichtsprotokolle und Zeugenaussagen verlesen und dadurch die Abläufe im Gerichtssaal reinszenieren. Durch das theatrale Reenactment sollen sich die Suche nach der Wahrheit im Fall von Oury Jalloh und ihre erneute Überprüfung allmählich entfalten. Es vermittelt dem Publikum die unterschiedlichen Vorstellungen von ,Wahrheit‘, die vor Gericht, im Leben und im Raum der Kunst zum Tragen kommen.

Akt 3 des Projekts Zelle 5 wird aufgrund der Corona-Krise später umgesetzt werden. Geplant sind eine Videoinstallation und ein Film, den Pfeifer erstmals 2021 im Edith-Russ-Haus zeigen will. Die Arbeit beschäftigt sich mit fünf verschiedenen Szenarien des Brandes.

Mario Pfeifer (*1981 in Dresden) war Preisträger des Stipendiums für Medienkunst der Stiftung Niedersachsen am Edith-Russ-Haus 2019 − www.mariopfeifer.com

Die Ausstellung wird gefördert durch das Niedersächsische Ministerium für Wissenschaft und Kultur, die NORD/LB Kulturstiftung und die Rudolf Augstein Stiftung.

Edith-Russ-Haus für Medienkunst, Katharinenstraße 23, D-26121 Oldenburg, Tel.: +49(0)441/235-3208, Fax.: +49(0)441/235-2161
Öffnungszeiten: Dienstag - Freitag 14 - 18 Uhr, Samstag - Sonntag 11 - 18 Uhr, Montag geschlossen info@edith-russ-haus.de
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