Stipendien 2010

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Stipendien der Stiftung Niedersachsen für Medienkunst 2010 am Edith-Ruß-Haus für Medienkunst

Preisträger sind:

HeHe (Helen Evans / Heiko Hansen), Frankreich / Deutschland

Ralf Baecker, Deutschland

Anahita Razmi, Deutschland


Ermöglicht durch die Stiftung Niedersachsen hat das Edith-Ruß-Haus für Medienkunst für das Jahr 2010 drei sechsmonatige und mit 10.000 Euro dotierte Arbeitsstipendien vergeben. Auf die internationale Ausschreibung erfolgte wieder eine sehr hohe Anzahl von Bewerbungen (329).

Die Stiftung Niedersachsen fördert das Stipendienprogramm des Edith-Ruß-Hauses kontinuierlich seit 2001. Längst ist das Programm zu einem Aushängeschild des Edith-Ruß-Hauses geworden. Viele der in Oldenburg entstandenen Arbeiten wurden nach ihrer Realisierung in internationalen Ausstellungen präsentiert und mit Preisen ausgezeichnet.

Mit ihrer Förderung will die Stiftung Niedersachsen eines der führenden Häuser für Medienkunst in Deutschland nachhaltig stärken, seine an Qualität orientierte Profilierung unterstützen, um so die Schaffung von Kunst zu ermöglichen und internationale Vernetzungen und lokale Anknüpfungspunkte zu schaffen.

Die Jury 2010:
Andy Cameron, Direktor fabrica - The Benetton Group Communications Research Center (Treviso, Italien)
Susan Collins, Künstlerin (London)
Steve Dietz, Künstlerischer Leiter 01SJ Biennial (San Jose)
Sabine Himmelsbach, Leiterin Edith-Ruß-Haus für Medienkunst (Oldenburg) \Ingmar Lähnemann, wissenschaftlicher Mitarbeiter, Edith-Ruß-Haus für Medienkunst (Oldenburg)
KH Jeron, Künstler (Berlin)

Jury 2010 Jury 2010 (v.l.n.r.): Andy Cameron, Susan Collins, KH Jeron, Sabine Himmelsbach, Steve Dietz


Die Stellungnahme der Jury zu den Preisträgern:

Ralf Baecker Crystal Set [Kristalldetektor]

Crystal Set ist ein elektronischer Apparat, der vollständig aus natürlichen Materialien mit besonderen elektronischen Eigenschaften gebaut ist: aus Kristallen mit halbleitenden Eigenschaften wie z.B. Silizium, Germanium und Pyrit, ebenso aus Wolframfäden, Platin, Eisen, Kupfer, Magnesium, Phosphor und Bernstein. Diese Rohstoffe werden zu einem elektronischen Schaltkreis verbunden, der ein fortlaufendes System in Gang setzt und den klassischen Algorithmus des „Game of Life“ berechnet, der auf einem Bildschirm sichtbar wird. Halbleiterkristalle wurden in den 1920er Jahren erstmals in Radio-Empfängern (Kristalldetektoren/crystal sets) eingesetzt. 1947 baute William Bradford Shockley den ersten funktionierenden Transistor auf der Basis eines Germaniumkristalls. So wie bei weißglühenden Glühbirnen wird die Verdrahtung der Installation durch Wolframfäden verwirklicht, über die die unterschiedlichen Stromflüsse beständig wechselnden Glühmuster erzeugen. Dabei sind sie in einem Vakuumbehälter eingeschlossen, um ein Oxidieren des Materials durch den umgebenden Sauerstoff zu verhindern.

Die Jury hat beeindruckt, wie sich in Crystal Set [Kristalldetektor] ein elegantes Hybrid aus Natur und Technologie verkörpert und wie dies in atemberaubender Weise entscheidende Meilensteine der Geschichte der Technologie evoziert. Als vollentwickeltes und funktionierendes digitales System gelingt es Crystal Set Wissenschaft und Kunst mühelos zu vereinen und mathematische Logik, künstliches Leben, Physik und Chemie in einer schlüssigen ästhetischen Ausdrucksform zusammenzubringen. Das Werk repräsentiert einen Fortschritt in der künstlerischen Entwicklung dieses aufregenden jungen deutschen Künstlers – insbesondere ein Bewusstsein für die Geschichte des Computerwesens wie bereits vorher in seiner monumentalen kinetischen Skulptur Rechnender Raum – und die Jury war sich einig in der Unterstützung für Crystal Set durch eines der Edith-Ruß-Stipendien 2010.


HeHe (Helen Evans und Heiko Hansen) The China Syndrome [Das Chinasyndrom]

Die Installation The China Syndrom [Das Chinasyndrom] simuliert im Modellmaßstab eine nukleare Kernschmelze in einer postindustriellen Unterwasserlandschaft. Die Installation erkundet zwei vielleicht erschreckende, doch zugleich extrem verführerische Gebilde, die hier in einem Performance-Theater en miniature verschmelzen: die Kühlturmarchitektur eines Atomkraftwerks und der Atompilz einer Atomexplosion. Umgesetzt wird die Simulation durch eine kontrollierte Manipulation von Flüssigkeiten in einem Aquarium, die synchron zu einer vorprogrammiertem Licht- und Soundpartitur abläuft. Diese „Katastrophenmaschine” gehört zu einer fortlaufenden Reihe von Arbeiten zur Symbolik von Menschen gemachter Wolken.
In Zusammenarbeit mit dem Forschungslabor für Hydrodynamik, LadHyX, Paris, www.ladhyx.polytechnique.fr

Die Jury fand, dass The China Syndrome die Katastrophe einer Atomexplosion in einen für Menschen nachvollziehbaren Maßstab umsetzen kann. Das Performance-Theater en miniature bietet unterschiedliche Interpretationsebenen im Kontext zweier konkurrierender Sprachen – der Sprache der Kunst und der Sprache der Wissenschaft. Beide versuchen eine mögliche Realität darzustellen. Es geht um ein Experiment mit unberechenbarem Ausgang. Anstatt ein Objekt zu schaffen, konzentriert sich The China Syndrome auf die Simulation einer Katastrophe in einer laborähnlichen Situation. Die Installation entwirft ihren eigenen Welt-Raum, ihre eigene fantasievolle Umwelt. Unsere Wahrnehmungen der realen Welt werden auf spielerische Weise in Frage gestellt. Heute bezieht sich die Metapher „Chinasyndrom“ auch auf die Finanzkrise. Entsprechend könnten die Kernschmelze der Wirtschaftssysteme und der Ausbruch aus der Eindämmungspolitik gemeint sein.

Anahita Razmi Road Trip und Videoinstallation

„Ich werde versuchen einen Peykan (Paykan), die im Iran gebräuchlichste Automarke, nach Europa zu importieren. Der Peykan, ursprünglich der britische Hillman Hunter, ist heute außerhalb Irans kaum mehr zu finden. 2009 wurde ein gebrauchter Peykan während einer Ebay-Auktion für die unglaubliche Summe von gut 40.000$ versteigert. Im Iran zahlt man für einen Peykan ungefähr 700$. Ich nehme den ikonischen Wert, den der Wagen erhält, sobald er die iranische Grenze überquert, zum Ausgangspunkt des Projekts: so etwas wie ein „iranisch-englischer Peykan” im Kontext der islamischen Republik Iran, als Anspielung auf Simon Starlings „polnisch-italienischen Fiat”, bei dem auf ähnliche Weise mit Grenzverschiebungen und Ursprüngen umgegangen wird. Ein reizvoller Aspekt meiner Export-Reise ergibt sich aus weiteren kulturellen Bezügen. Ich werde ein Video/einen Film von der Reise drehen, in dem ich Sampling und Collage einsetze, um das tatsächliche „Abenteuer“ mit dem Genre des amerikanischen Roadmovies zu kontrastieren und ebenso mit ambivalenten Bezugspunkten wie dem Film No Sex Last Night von Sophie Calle und Greg Shepard.“ (Razmi)

Humor und Abenteuerlichkeit dieses Vorschlags stießen bei der Jury auf einhellige Begeisterung. Gestützt auf ein ausgeprägtes Kulturbewusstsein überschreitet Razmi in ihrer Darstellung eines Road Trips vom Iran bis nach Oldenburg geradezu buchstäblich Grenzen. Die aktuelle Reise verweist, wenn hier durch eine Mischung aus Humor, menschlicher Interaktion und eigentlichen Transaktionen die Arbeit (und das Auto) nach Europa und in das Edith-Ruß-Haus gebracht wird, auf die lange Tradition des Road Trips im amerikanischen Film. Das Projekt repräsentiert einen anspruchsvollen weiteren Schritt in der Entwicklung von Razmis bereits gewichtigem Schaffenswerk, das sich zahlreicher Strategien und Medien, einschließlich Performance und performativer Objekte, bedient.

Übersicht über bisher vergebene Stipendien

Die bisherigen Stipendiaten waren:

2017 Noor Afshan Mirza/Brad Butler (GB), Stefan Panhans (D), Shirin Sabahi (IRN) mehr...
2016 Doireann O'Malley (IE), Zorka Wollny (PL), Amir Yatziv (IL) mehr...
2015 Mahmoud Khaled (EGY), Szabolcs KissPál (HUN), Anette Rose (GER) mehr...
2014 Derek Holzer (US), Ivar Veermäe (EE), Emma Wolukau-Wanambwa (GB) mehr...
2013 Marcello Mercado (ARG), Patricia Reis (P), Hannes Waldschütz (D) mehr...
2012 Kerstin Ergenzinger (D), Antoine Schmitt (F), Christoph Wachter/Mathias Jud (CH/D) mehr...
2011 Darsha Hewitt (CDN), Ute Hörner/Mathias Antlfinger (D), Yunchul Kim (KOR/D) mehr...
2010 HeHe (Helen Evans / Heiko Hansen), (F / D), Ralf Baecker (D), Anahita Razmi (D) mehr...
2009 Jana Linke (D), REINIGUNGSGESELLSCHAFT (D), The SINE WAVE ORCHESTRA (J) mehr...
2008 Petko Dourmana (BG), Kristin Lucas (USA), Cornelia Sollfrank (D) mehr...
2007 Jens Brand (D), Ellen Fellmann (D), Eddo Stern (USA/IL) mehr...
2006 Annina Rüst (CH), Corinna Schnitt (D), ubermorgen.com (CH/A) mehr...
2005 Amie Siegel (USA)
2004 Minerva Cuevas (MEX), Calin Dan (RO/NL), Martine Neddam (F/NL)
2003 Dave Allen (GB/D), Bernadette Corporation (USA/D), Naomi Ben-Shahar (ISR/USA)
2002 Johan Grimonprez (B), Dagmar Keller/Martin Wittwer (D/CH), Florian Zeyfang (D)
2001 Susanne Weirich (D) mehr...

 

Edith-Russ-Haus Nachwuchsförderpreise für Medienkunst der Sparda-Bank

2015 Chris Alton (UK), Marta Popivoda (SRB) mehr...
2014 Adam Basanta (CA), Julian Stein (US) mehr...
2013 Hyun Ju Song und Mi Lyoung Bae (KR), Kuai Shen Auson Ortega (EC) mehr...


Die bisherigen Stipendiaten im Austauschstipendium mit dem Digital Art Center Taipei, Taiwan, waren:

2011 Tai-Wei Kan mehr...
2010 Yun-Ju Chen, Kerstin Ergenziger mehr...

Edith-Russ-Haus für Medienkunst, Katharinenstraße 23, D-26121 Oldenburg, Tel.: +49(0)441/235-3208, Fax.: +49(0)441/235-2161
Öffnungszeiten: Dienstag - Freitag 14 - 18 Uhr, Samstag - Sonntag 11 - 18 Uhr, Montag geschlossen info@edith-russ-haus.de
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