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Frauen und Gewalt im Zusammenhang mit dem Interview mit Catalina S.

Rubriken: Kriegserfahrungen
04.08.2010, 11:21 Uhr

ein Beitrag von Anna Schlee, Agnes Gabriel und Helen Faber

Frauen und Gewalt:
Ausschlaggebend für die Beschäftigung mit diesem Thema war eine Interviewpassage, in der deutlich wird, dass, bezogen auf den bewaffneten Kampf und die potentielle Mitgliedschaft in der Guerilla, Frauen keine Bedrohung (für die paramilitärischen Gruppen) darstellen. Kontext dieses Zitats ist wieder die Beerdigung des ersten ermordeten Bruders, der, für die Familie bis zu seinem Tod unbekannt, Mitglied der Guerilla war.

Da waren sie bei der Beerdigung. Mein Bruder, der vier Jahre älter ist als ich hat einen Anruf bekommen von einem Kindheitsfreund aus Schultagen. Der hat gesagt: Hör mal du, ihr müsst verschwinden, denn sie wollen euch alle ermorden, auf dem Friedhof. Und dann ist mein Bruder zu meiner Mama gegangen und hat gesagt: Mama, wir müssen weg!
Die ganzen Onkel sehen alle sehr ähnlich aus, sie sind alle weggegangen. Und meine Brüder mussten sich alle verstecken, weil sie [vermutlich die Paramilitärs. Anm. d. Verf.] sagten: Guerillero - dann werden wir alle Männer platt machen.
Interviewerin: Aber nur die Männer?!
Nur die Männer. Sie haben gesagt, die Frauen, da passiert nichts.
Interviewerin: Die sind keine Gefahr?
Ja, anscheinend denken sie so- haben sie so argumentiert.

Diese Darstellung, dass Frauen für Vergeltungs- oder Racheakte in den Augen der Paramilitärs keine adäquaten Ziele sind, obwohl es doch darum geht, gezielt eine Familie zu verletzen, und obwohl doch, wie oben beschrieben, die Frauen maßgeblich für familiäre Bunde sorgen, hat bei uns die Fragestellung aufgeworfen, ob Frauen nicht auch Mitglieder der Guerilla sind, bzw. in welcher Form sie in den bewaffneten Kampf verwickelt sind. Zu genau diesem Thema veröffentlichte Maria Hörtner 2009 ihre in Kolumbien durchgeführte Studie als Monographie unter dem Titel: 'Die unsichtbaren Kämpferinnen. Frauen im bewaffneten Konflikt in Kolumbien zwischen Gleichberechtigung und Diskriminierung'. In erster Linie jedoch stellt sich die Verwicklung in den Kampf in der traditionellen Hausfrauenrolle dar, nämlich als diejenigen, die vom Verlust ihrer Brüder, Söhne, Onkel oder Ehemänner betroffen sind, oder die zu Hause Verletzte versorgen müssen und mit Kriegsgeschädigten zusammen leben. Es gibt kaum eine Familie in Kolumbien, die nicht durch Kriegsgeschehen jedweder Art ein Mitglied verloren hat (Harter 1997).

Aber es gab in Kolumbien schon früher und gibt auch jetzt Frauen, die aktive Mitglieder von Guerillaorganisationen sind. In Kolumbien ist die FARC (Fuerzas armadas revolucionarias de Colombia/ Revolutionäre Streitkräfte Kolumbiens) die größte Guerillagruppe und besteht zu ca. 40% aus Frauen (Hörtner 2009 S.51). Das ist eine beachtliche Zahl angesichts dessen, dass kämpferische Einsätze in der Regel mit Männern assoziiert werden. In der Tat sind innerhalb der Guerillaorganisation weit gefächert und vielschichtig Aufgaben zu erfüllen, die in weiten Teilen Reproduktionsarbeit oder organisatorische Erledigungen bedeuten. Es ging Hörtner nicht darum deutlich zu machen, dass Frauen Mitglieder in der Guerilla sind, sondern darum deren Positionen innerhalb der Organisation aufzudecken und die Frage nach Gleichberechtigung zu stellen.

Demnach gibt es für den Beitritt zu der Guerilla sowohl pull- als auch push-Faktoren (ebd. S. 83), wobei Hörtner die Dominanz von push-Faktoren heraus arbeitet. Dies bedeutet, dass inzwischen weniger die politische Überzeugung als mehr die Flucht aus dem gesellschaftlichen bzw. familiären Rahmen im Vordergrund steht und der Wunsch besteht, durch die Guerilla stärker zu werden um sich gegen sexuelle Belästigungen zur Wehr setzen zu können (ebd. S.83-88). Hörtner macht in ihrer Analyse zwei unterschiedliche Argumentationsstränge auf. Zum einen betont sie die widrigen Verhältnisse, die Frauen bzw. junge Mädchen und Kinder dazu bringen den Guerillaorganisationen beizutreten, so zum Beispiel häusliche Gewalt, Armut, Perspektivlosigkeit, und diskutiert die öffentlichen Veränderungen, die eintreten müssten, um den steigenden Zulauf von Frauen in die Guerilla zu verhindern (ebd. S.83-88). Zum anderen verweist sie wiederholt auf Punkte innerhalb der Organisationsstruktur, die auch trotz proklamierter Gleichheit der Geschlechter in Bezug auf die Aufgabenteilung eine Hierarchisierung der Männer gegenüber der Frauen bedeuten. So sind Frauen stärker in den niedrigen Organisationseinheiten zu finden und werden auch weniger für den bewaffneten Kampf eingeplant, sie dienen eher als Reserve (ebd. S. 89-96). Die quantitative Partizipation von Frauen in der Guerilla variiert allerdings von Region zu Region und bedeutet auch innerhalb der verschiedenen Organisationen unterschiedliche Aufgabenverteilungen und Rollenverständnisse.

Zusammenfassend lässt sich sagen, dass es aufgrund der Teilnahme an Kämpfen keinen rationalen Grund gibt, warum allein die Männer aus Catalinas Familie durch die Paramilitärs bedroht wurden. Zumindest rein hypothetisch hätten die Frauen ebensogut Zugang zu der Guerilla haben können und damit die Arbeit des ermordeten Bruders fortsetzen können. Eine 'Schonung' der Frauen lässt sich nur mit dem traditionellen Rollenbild erklären, nach welchem Frauen und Kindern in jeder Situation Schutz zusteht. Ein Mann kann also problemlos andere Männer angreifen, eine Frau wird aber solange nicht als Bedrohung wahrgenommen wie sie als Zivilistin zu erkennen, also nicht bewaffnet ist.
An dieser Stelle möchte ich betonen, dass es mir natürlich nicht darum geht für mehr Gewalt gegen Zivilist_innen zu plädieren, sondern dass dies ein Versuch ist zu verstehen, welche Logiken hinter den Handlungen von bewaffneten Paramilitärs zur Zeit der Beerdigung von Catalinas Bruder gestanden haben können, sofern das überhaupt möglich ist aus dieser geographischen wie geschichtlichen Distanz und mit den wenigen Informationen.



Verwendete Literatur:

Bohmann, Kristina: Haus, Hausarbeit und Verwandtschaft – Ausschnitte aus dem Familienleben in einer kolumbianischen Stadt. In: Aguilar R. Graciela/ Vogel, Peter (Hrsg.) 1983. Frauen in Lateinamerika: Alltag und Widerstand. Hamburg, Junius. S.48-64

Harter, Friederike (1997). Frauen in Kolumbien: Opfer des Machismo- Protagonistinnen ihrer eigenen Geschichte. In: Kolumbien heute. Vervuert Verlag, Frankfurt am Main

Hörtner, Maria (2009). Die unsichtbaren Kämpferinnen. Frauen im bewaffneten Konflikt in Kolumbien zwischen Gleichberechtigung und Diskriminierung. Köln, PapyRossa

Kampmann, Martina/ Koller-Tejeiro, Yolanda M. (Hrsg.) (1991). ¡Madre mia! Kontinent der Machos? Frauen in Lateinamerika. Berlin, Elefanten Press. S. 37

Löw, Angelika (1982). Was wird aus uns, wenn keine sich wehrt? Kolumbien: Die alltäglichen Kämpfe der Frauen. Reinbek bei Hamburg, Rowohlt Taschenbuch Verlag

Rauch, Gundhild: Die Frau auf dem Arbeitsmarkt in Kolumbien. In: Aguilar R. Graciela/ Vogel, Peter (Hrsg.) 1983. Frauen in Lateinamerika: Alltag und Widerstand. Hamburg, Junius. S. 65-76

Toro, Olga Lucía. Frauen, die den Frieden weben: In Prado, Danda (Hrsg.in) (1993). Südamerika der Frauen. München, Verlag Frauenoffensive. S. 128-136

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