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Darstellung von Frauenrollen im Zusammenhang mit dem Interview mit Catalina S.

Rubriken: Kriegserfahrungen
19.07.2010, 14:58 Uhr

ein Beitrag von Anna Schlee, Agnes Gabriel und Helen Faber

Im Folgenden möchte ich zwei Aspekte herausarbeiten, die während des Interviews in Bezug auf das Bild der Frauen in Catalinas Lebensumfeld aufgeworfen wurden:
I. die (traditionelle) Rolle der Frau in der kolumbianischen Gesellschaft
II. das Verhältnis von Frauen zu Gewalt, insbesondere die Teilnahme an bewaffneten Konflikten

Frauenrollen:
Mehrmals während des Interviews kommt Catalina auf ihre Mutter zu sprechen, kein einziges Mal lässt sie dabei Unmut oder gar Geringschätzung anklingen. Viel deutlicher wird die Stärke und Kraft dieser Frau betont und ihre Wichtigkeit für Catalina ist heraus zu hören. Bei der Erwähnung sehr einschneidender Erlebnisse, nämlich den Verlusten zweier ihrer Brüder, bezieht sich Catalina auf ihre Mutter und deren Reaktion. Als es beispielsweise um die Beerdigungssituation ihres ersten Bruders geht, bei der viele Männer der Familie den eigenen Tod fürchten müssen, sagt sie Folgendes:

„Meine Mutter (...) sagte mir am Ende, dass es schon heftig gewesen wäre, aber als sie das gehört habe [dass die Männer der Familie während der Beerdigung des Bruders hätten ermordet werden sollen, Anm. d. Verf.], habe sie so eine Kraft gefühlt, nach dem Motto: 'Jetzt gucken wir mal wer hier stark ist'. Sie ist eine unglaubliche Frau. sie ist jetzt 74 und es ist unglaublich(...) Das ist eine ganz tolle Frau!“

An anderer Stelle geht es um die Verarbeitung und den Umgang mit Schmerz und Tod:

Meine Mutter ist deswegen so genial, die gibt dir so eine Kraft.
Interviewerin: Hat deine Mutter auch eine stabile Funktion für die ganze Familie?
Sehr! Sehr. Weil sie so (...) resolut, so gut ist. Das ist einfach unglaublich! (...) Sie sagte: Ich kann mich hinsetzen und mit den Menschen reden, die meine Kinder ermordet haben. Ich würde gerne die Gründe wissen. Wieso kann man Menschen so ermorden, wie kann man das?

Es wird eine tapfere, starke Persönlichkeit der Mutter beschrieben, die sich nicht vor ihren 'Feinden' fürchtet und mit beiden Beinen im Leben steht. Für Catalina hat sie wahrscheinlich Vorbildcharakter.

Die Geschichte der Frauen in diesem Land ist ähnlich wie in anderen Ländern Südamerikas: Starke patriarchale Strukturen dominieren die Gesellschaft, welche eher auf christliche und westliche Normen zurückgehen als auf die Lebensweisen der Indigenas oder Schwarzen (Toro, 1993 S.134). Kristina Bohmann forschte in den Jahren 1970 bis 1976 in einem Viertel von Medellín und arbeitet die Frage nach der Rolle der Frauen innerhalb der Familie in ihrem Artikel 'Haus, Hausarbeit und Verwandtschaft – Ausschnitte aus dem Familienleben in einer kolumbianischen Stadt' heraus. Demnach gibt es zwei Sphären, die den beiden Geschlechtern zugeordnet werden. Für die Männer ist dies 'la calle' – die Straße – und damit der ganze öffentliche Bereich, einschließlich Bars, Politik und Handel. Den Frauen hingegen wird 'la casa' – das Haus – zugeordnet. Ihnen kommt klassischerweise die Rolle der Mutter und Hausfrau zu. Es ist anzumerken, dass Frauen oft bereits im jungem Alter heiraten und damit ihr Lebensziel, eine gute Frau zu sein, erreichen.

„Die Mutterschaft wird als der wahre Inhalt und das höchste Ziel der weiblichen Existenz gepriesen.“ (Bohmann 1983, S.50) Innerhalb des Hauses sind die Frauen möglicherweise Königinnen, doch bleiben sie den Weisungen ihres Mannes unterworfen, denn Männer heiraten um zu befehlen (Bohmann 1983 S.50f). Es fallen nicht nur der Aufenthalt und die Arbeit im eigenen Haus unter die Tätigkeiten der Frauen, sondern es besteht ein großes soziales Gefüge mit vielen aktiven Kontakten zu anderen Frauen der Familie, zwischen denen sich gegenseitig geholfen wird. Allerdings sollen die Frauen beim Verlassen des Hauses die Straße möglichst schnell überqueren, also keinen Aufenthalt in öffentlichen Bereichen genießen, aber sind sogar dafür auf die Erlaubnis eines Mannes der Familie angewiesen. Wohlgemerkt ist die Studie schon ziemlich alt und erhebt auch keinen Anspruch auf Repräsentativität für die gesamte kolumbianische Gesellschaft. Toro schreibt in ihrer Veröffentlichung, dass sich die Situation für die Frauen verändert habe. Unter anderem dadurch bedingt, dass seit den 1960er Jahren auch für Frauen eine vollständige universitäre Ausbildung möglich ist, obwohl auch lange danach zum Teil noch diskriminierende Regelungen bezüglich der Studienbeiträge herrschten. Ende der 1970er Jahre entstanden viele Frauengruppen, die autonom organisiert Frauenzentren und Informationsstellen einrichteten, in denen Schwangerschaftsabbrüche möglich waren und gängige Praxis sind.
 
Trotz mehr Präsenz von Frauen in öffentlichen Bereichen wie Universitäten, in der lohnarbeitenden Bevölkerung, in der Wirtschaft und z. T. in der Politik, schreiten die Bewegungen im häuslichen Bereich nur langsam voran (Toro 1993 S.131). Inzwischen sind seit dieser Veröffentlichung bereits 17 Jahre vergangen, und es ist davon auszugehen, dass sich das Frauenbild auch bezogen auf die häuslichen Tätigkeiten zumindest ein wenig geändert hat.
Für die Einordnung des Interviews ist die Literatur aus den älteren Zeiträumen dennoch nicht irrelevant. Catalina verließ Kolumbien bereits in den 1990ern und verbrachte ihre Kindheit und Jugend seit Ende der 1970er Jahre dort. Ihr Bild von der Familiensituation und der Rolle ihrer Mutter wird sich wahrscheinlich zu einem großen Teil in dieser Zeit entwickelt haben und kann daher mit den eröffneten Bildern der angeführten Literatur verglichen werden.

„Der Zusammenhalt von uns ist sehr wichtig, noch heute. Für uns alle. Gut, das hat mein ganzes Leben geprägt, diese Familie. Ganz gute Sachen.“

In diesem Bezug auf die Familie spricht Catalina nicht direkt ihre Mutter an, jedoch wage ich die Behauptung, dass ihre Mutter indirekt als zentrale Figur der Familie Einfluss auf diese Wahrnehmung hat. Als Hausfrau mit zehn Kindern entspricht sie sehr gut dem oben skizzierten Bild von Frauen innerhalb der Familien und scheint die Funktionen der traditionellen Rolle zu erfüllen. „Tatsächlich sind in den weniger wohlhabenden Schichten die Frauen Motor und Stütze der großen Familien und tragen große innere Stärke und unerschütterliche Moral zur Schau.“ (Toro 1993 S.134 aus einem Interview mit einer Organisationsleiterin einer Vereinigung zur Förderung des Gemeinschaftswesens). In diesem Zitat findet sich schön auf den Punkt gebracht, was Catalina während des Interviews über ihre Mutter bekannt gab: Sie ist eine Frau von innerer Stärke und Mut, damit beeindruckend als Vorbild, ist Mutter vieler Kinder und zentrale Figur innerhalb der Familie.

Im Gegensatz dazu ist anzumerken, dass über den Vater, abgesehen von seiner Berufstätigkeit und seiner Todesursache, während des Interviews nicht gesprochen wurde. Entweder schien er insgesamt auf das Familienleben keinen großen Einfluss gehabt zu haben, oder aber die Verhältnisse innerhalb der Familie bestehen stark geschlechterspezifisch, sodass die Vaterfigur eher für Catalinas Brüder relevant gewesen sein mag.



Verwendete Literatur:

 Bohmann, Kristina: Haus, Hausarbeit und Verwandtschaft – Ausschnitte aus dem Familienleben in einer kolumbianischen Stadt. In: Aguilar R. Graciela/ Vogel, Peter (Hrsg.) 1983. Frauen in Lateinamerika: Alltag und Widerstand. Hamburg, Junius. S.48-64

 Harter, Friederike (1997). Frauen in Kolumbien: Opfer des Machismo- Protagonistinnen ihrer eigenen Geschichte. In: Kolumbien heute. Vervuert Verlag, Frankfurt am Main

 Hörtner, Maria (2009). Die unsichtbaren Kämpferinnen. Frauen im bewaffneten Konflikt in Kolumbien zwischen Gleichberechtigung und Diskriminierung. Köln, PapyRossa

 Kampmann, Martina/ Koller-Tejeiro, Yolanda M. (Hrsg.) (1991). ¡Madre mia! Kontinent der Machos? Frauen in Lateinamerika. Berlin, Elefanten Press. S. 37

 Löw, Angelika (1982). Was wird aus uns, wenn keine sich wehrt? Kolumbien: Die alltäglichen Kämpfe der Frauen. Reinbek bei Hamburg, Rowohlt Taschenbuch Verlag

 Rauch, Gundhild: Die Frau auf dem Arbeitsmarkt in Kolumbien. In: Aguilar R. Graciela/ Vogel, Peter (Hrsg.) 1983. Frauen in Lateinamerika: Alltag und Widerstand. Hamburg, Junius. S. 65-76

 Toro, Olga Lucía. Frauen, die den Frieden weben: In Prado, Danda (Hrsg.in) (1993). Südamerika der Frauen. München, Verlag Frauenoffensive. S. 128-136


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