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Die Werke der Künstlerin Catalina S.

Rubriken: Kriegserfahrungen
21.03.2012, 16:48 Uhr

ein Beitrag von Helen Faber

Catalina S. begann mit Anfang 20 zu malen. Vor allem nach ihrem Burn-Out dienten die künstlerischen Tätigkeiten ihr als Verarbeitungsmöglichkeit und halfen ihr schwierige Zeiten zu durchstehen. Sie verarbeitete in ihren Kunstobjekten ihre einschneidenden Lebenserfahrungen im Zusammenhang mit dem Bürgerkrieg in Kolumbien. Der Mord an ihren zwei Brüdern, die damit verbundene Zersplitterung ihrer Familie und die Trennung von ihrem Mann. Ihre Speckstein-Arbeiten zeigen Teile von weiblichen Körpern und auch auf ihren Bildern sind meistens weibliche Figuren zu sehen. Aus dem Interview geht hervor, dass ein Großteil davon Selbstdarstellungen sind, da sie sich in ihrem Leben immer wieder „als Frau konfrontiert fühlte“. Heute konzentriert sie sich auf abstrakte Kunst und auf Portraits. Eine ihrer Leidenschaften ist es Menschen im Altersheim zu besuchen und sie zu portraitieren.

Die folgenden Interpretationen sind durch Anmerkungen der Künstlerin Catalina S. entstanden und von Helen-Kathi Faber ausformuliert. Im Anschluss folgt eine persönliche Stellungnahme.

Auf dem Bild „Duelo“ („Trauer“, s. Abb. unten links) ist eine gebeugt sitzende Gestalt mit langen Haaren, umgeben von leuchtenden Farben zu sehen. Catalina verarbeitet durch diese Selbstdarstellung den Schmerz über den Tod ihrer beiden Brüder, deren durchsichtige Schatten im oberen Teil des Bildes dezent eingezeichnet sind. Diese Schatten lasten symbolisch auf ihren Schultern und sollen die Nachwirkungen auf ihren seelischen Zustand nach diesen einschlägigen Erlebnissen darstellen. Die schwarze Farbe im unteren Teil des Bildes, am Rande ihres Rückens, ihrer Haare und im oberen Teil des Bildes soll auf Trauer hinweisen. Das Rot ihres Körpers steht für Catalin für den grenzenlosen Schmerz, den sie empfand, der sie innerlich zu verbrennen drohte. Mit der dominanten gelben Farbe im linken Teil des Bildes meint sie Licht und Zuversicht und das Blau zur rechten Seite soll für Hoffnung stehen. In diesem Zusammenhang betont Catalina, dass sie trotz der schweren Zeiten die sie durchlebte, stark geblieben ist und ihr Leben gemeistert hat. Trotz der Angst um ihre Familie und der Einsamkeit nach der Trennung von ihrem Mann, hat sie gearbeitet und war für ihre Tochter da. In dem Bild liege der Weg in die Freiheit vor ihr. Die gelbe Farbe weise auf die Möglichkeit einer Befreiung von den schrecklichen Erfahrungen hin. Ihr bleibe die Hoffnung auf eine bessere Zukunft, eine positive Veränderung.

„mujer sin brazos“ („Frau ohne Arme“, s. Abb. unten rechts) zeigt einen weiblichen nackten Körper ohne Arme in sitzender gebeugter Haltung, umgeben und bedeckt mit blauer und roter Farbe. Das Bild malte Catalina unmittelbar nach der Trennung von ihrem Mann und relativ zeitnah mit dem Tod ihrer Brüder. Auch dieses Bild ist eine Selbstdarstellung und für Catalina ist es sehr bedeutsam, dass die Figur auf dem Bild in die entgegengesetzte Richtung gedreht ist wie die Figur in dem Bild „duelo“. Denn dies heiße, dass es in der Situation, die dieses Bild darstellt keinen Ausweg gebe. Es gebe kein Licht, das den Weg in die Freiheit weise. Mit der Nacktheit ihres Körpers und der ausgeprägten weiblichen Rundungen möchte sie zeigen, wie angreifbar und ungeschützt sie sich zu dieser Zeit fühlte, aber gleichzeitig will sie durch die Blöße und insbesondere die Abwesenheit ihrer Arme die Einsamkeit und den Verlust betonen, den die Trennung bei ihr auslöste. Die weiße Farbe ihres Körpers soll für das Gefühl der Leere und der Unvollständigkeit stehen. Fernab von ihrer Familie in Kolumbien fiel es ihre lange Zeit schwer, mit der neuen Situation umzugehen. Die gebeugte Haltung der Figur in diesem Bild symbolisiert für Catalina, anders als in dem Bild „duelo“, Hoffnungslosigkeit. Die blaue Farbe stehe für Kälte, Einsamkeit und fehlende Liebe.

Auf dem Bild „encerrados“ („eingesperrt“, siehe Abb. oben) sind sehr intensive Farbtöne zu sehen. Ein tiefblauer Rahmen umringt eine Anzahl von roten und gelben Streifen und Bögen. Catalina hat sich bei der Entstehung des Bildes mit den Auswirkungen des Krieges auf die Zivilbevölkerung Kolumbiens beschäftigt und versucht den Einfluss des Krieges auf die kolumbianische Kultur aus ihrer Sicht zu erfassen. Der für Catalina wichtigste Teil des Bildes bleibt dem Betrachter zunächst fast gänzlich verborgen und erfordert ein genaueres Hinsehen und ein Wenig Phantasie: Es sind winzige blaue eiförmige Kreise im unteren Teil des Bildes, die die Köpfe der kolumbianischen Bevölkerung darstellen sollen. Catalina möchte diese Menschen als Gefangene des dunkelblauen, kalten Rahmens des Krieges und der prekären sozialen Lage des Landes darstellen. Andererseits betont sie auch, dass die Gesichter der Köpfe nach oben gerichtet sind und zuversichtliche Gesichtsausdrücke haben sollen. Sie bewundert die kolumbianische Bevölkerung für ihr Selbstbewusstsein und dafür, dass trotz der misslichen Lage die meisten Menschen eine Perspektive in ihrem Leben haben und sich sicher sind, dass irgendwann die Zeit des Friedens und der Freiheit eintreten wird. Diese Bewunderung möchte sie in diesem Bild aufzeigen. Catalina beschreibt die Kultur ihrer Herkunft als ausgesprochen lebhaft, temperamentvoll und herzlich im Umgang miteinander. Trotz der Gefahren und der vielen Verluste lassen sich die Menschen ihrer Auffassung nach nicht ihrer Kultur berauben und kommen zusammen, tanzen und unterstützen sich gegenseitig. Der aktuelle Kriegszustand stelle für sie in den Momenten der gemeinschaftlichen Zusammenkunft keine schwere Beeinträchtigung dar, sie hätten gelernt, damit umzugehen. Die rote und gelbe Farbe des Bildes stehe für die Fröhlichkeit und den Widerstand, den die Bevölkerung dadurch leiste, dass sie ihre Kultur weiterführe und sich von dem Krieg nicht einschüchtern ließe.


Persönliche Stellungnahme:

Als ich an dem Tag des Interviews die Treppe zu Catalinas Wohnung hinauf gestiegen war erwartete mich eine offenherzige freundliche Person, die an positiver Ausstrahlung kaum zu übertreffen war. Wäre ich ihr auf der Straße begegnet hätte ich nicht vermutet was für eine dramatische Geschichte hinter der warmherzigen Person steckte. Das Interview mit Catalina S. war ein interessantes Erlebnis voller unterschiedlicher Eindrücke ihrer Geschichte. Durch die ergreifende Schilderung und der Nähe, die sich zwischen Catalina als Erzählerin und mir als Zuhörerin aufgebaut hat, fällt es mir sehr schwer die Bilder und ihre eigenen Interpretationen kritisch zu betrachten, geschweige denn zu beurteilen.
Ich kann ein Stück weit nachvollziehen, wie Catalina sich zu dem Zeitpunkt der Entstehung der ersten zwei Bilder fühlte und finde es sehr bemerkenswert wie sie mit ihrer Kunst einen Kanal gefunden hat, um ihre Erlebnisse zu verarbeiten. Besonders nachvollziehbar sind für mich die Farben und ihre Bedeutung. Auch der Kontrast zwischen den Bildern „duelo“ und „mujer sin brazos“ fällt mir auf. In Ersterem steht im Mittelpunkt des Bildes die Trauer und die Hoffnung. Es ist ein warmes Bild, dass mich als Betrachterin ergreift und mich sanft an das Leid der Malerin heranführt. Letzteres erscheint mir wie eine Darstellung von einem Schreckensbild. Es erfüllt mich mit Unbehagen das Bild anzuschauen, denn die nackte Gestalt strahlt eine unheimliche Kälte aus. Im Zentrum dieses Bildes steht eine verletzliche Weiblichkeit, an der ich spüre, wie nackt und hilflos sich Catalina nach der Trennung von ihrem Mann und mit dem Verlust ihrer Brüder gefühlt haben muss. Die rote Farbe wirkt für mich wie Blut auf dem weißen Körper und repräsentiert ihren Schmerz und vor allem die Sehnsucht nach Liebe und Geborgenheit.
Catalina hat mit dem letzten Bild „encerrados“ einen Kontrast zwischen Gefahr, Gefangenschaft, Gewalt und Fröhlichkeit, Zukunftsvision und Liebe geschaffen, der die ambivalente Situation Kolumbiens darstellt und für mich einleuchtend ist.


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