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Die „My War“-Talkrunde

21.03.2012, 16:36 Uhr

Eine fiktive Diskussion auf Interviewbasis von A. Dietzel, A. Höber und M. Stehr

Moderator Peter Schönlein: Schönen guten Tag, liebe Leser_innen dieses Blogs, ich begrüße Sie herzlich zu unserer fiktiven Talkrunde, die niemals in dieser Form stattgefunden hat. Unser Motto heute lautet: Echte Stimmen – Falsche Köpfe. Was Sie hier lesen, ist eine narrative Umsetzung verschiedener Interviews, die zur Austellung My War mit vier Personen einzeln geführt wurden. Anschließend wurden diese Interviews zu einer imaginären Gruppendiskussion umgewandelt. Im Zuge dessen wurden möglicherweise die Namen und das Geschlecht der Befragten verändert. In welchen Fällen dies tatsächlich geschehen ist, soll offen bleiben. Nach dieser kurzen Erklärung möchte ich Ihnen nun unsere imaginären Gäste vorstellen. Ganz links außen darf ich Frau Senke begrüßen, guten Tag, Frau Senke.

Frau Senke: Guten Tag, Herr Schönlein, ich freue mich sehr hier sein zu dürfen. Moderator: Und direkt links neben mir sitzt Herr Klecken, schönen guten Tag.

Herr Klecken: Herzlichen Dank.

Moderator: Ich mache weiter mit meiner anderen Seite, zu meiner Rechten: Herr Worms. Herr Worms: Guten Tag, es ist mir eine Freude.

Moderator: Und last but not least heiße ich herzlich rechts außen Frau Minne willkommen.

Frau Minne: Danke für die Einladung, Herr Schönlein.

Moderator: Wunderbar, nun da wir alle miteinander bekannt sind, würde ich sehr gerne mit dem Gespräch beginnen. Frau Minne, machen wir doch gleich bei Ihnen den Anfang: Was hat Sie denn in die Ausstellung "My War" geführt?

Frau Minne: Ich bin Historikerin und arbeite momentan an dem Thema Flucht und Vertreibung während 1945. Dort beschäftige ich mich mit Erinnerungen und Geschlechterbildern aus dieser Zeit. Es war also der berufliche Pfad, der mich hierher gebracht hat. Moderator: Gut, vielleicht können wir gleich der Reihe nach weiter machen, Herr Worms?

Herr Worms: Ich bin Student in Bremen, belege aber wegen der Kooperation zwischen der Bremer und der Oldenburger Uni dieses Jahr auch ein Seminar hier in Oldenburg und im Zuge dessen habe ich mir auch diese Ausstellung angesehen.

Herr Klecken: Ich bin Künstler, ich würde also sagen, ich bin aus privaten wie aus beruflichen Gründen hier. Mich interessiert My War ganz besonders, weil ich vor einiger Zeit selbst an einer Ausstellung mit Kriegsbezug mitwirken durfte und besonders die Verknüpfung, die hier zwischen Krieg und Gender thematisiert wird, hochgradig spannend finde.

Frau Senke: Bei mir steckt ausnahmsweise kein beruflicher Grund hinter meinem Besuch: Meine Tochter studiert in Oldenburg Gender Studies und hat mir von dieser Ausstellung erzählt. Zuhause erzählt sie ziemlich viel über das Thema und da bin ich irgendwann hellhörig geworden und wollte mir so etwas auch mal angucken. Deswegen bin ich hier.

Moderator: Danke. Jetzt würde ich mich gerne mit Ihnen über Ihre Eindrücke unterhalten. Was ist bei Ihnen besonders hängen geblieben, Frau Senke?

Frau Senke: Das ist einfach: Der Atompilz hat mich sehr berührt. Allerdings nicht in positiver Hinsicht. Ich finde ...

Moderator: Frau Senke, wenn ich Sie kurz unterbrechen darf, um unseren Lesern einen Eindruck zu geben, wovon Sie sprechen. Frau Senke bezieht sich hier auf zwei Atompilze, die in Form von zwei kuscheltierähnlichen Stoffskulpturen dargestellt werden. Einer der beiden ist leuchtend rot, der andere weiß und sie sind aus einem leicht reflektierenden Stoff hergestellt. Fahren Sie bitte fort, Frau Senke.

Frau Senke: Ja, nun... wo war ich? Ich bin jedenfalls der Ansicht, dass dieses Werk hochproblematisch ist. Mir ist nicht klar, wie man etwas so Schreckliches derart verharmlosen kann. Ich verstehe nicht welchen Zweck das haben soll?!

Herr Worms: Das sehe ich anders, Frau Senke. Ging es Ihnen nicht auch so, dass gerade durch die scheinbare Verharmlosung das Objekt an Schrecklichkeit noch um einiges zugenommen hat?

Frau Senke: Nein, ganz und gar nicht.

Herr Worms: Nun, ich bin der Ansicht, dass es ein legitimes Mittel der Kunst ist, mit dem Schrecken zu spielen.

Frau Senke: Und was bitte ist mit den Opfern von Hiroshima? Es ist ja fast so, als würde man aus ihrem Leid einen Witz machen!

Frau Minne: Ich nehme an, dass ihr Zorn den Künstler erfreuen würde, das war doch seine Intention, nehme ich an.

Herr Worms: Ich sehe Ihren Punkt. Aber man könnte das Werk doch auch als einen Spiegel unserer Gesellschaft sehen, in der Atomwaffen offenbar immer noch harmlos genug erscheinen, dass es Länder gibt, die weiterhin aufrüsten.

Herr Klecken: Wenn ich mich kurz einmischen darf: In einem meiner Werke habe ich mich auch mit Atomkraft und Atomwaffen auseinander gesetzt und ich denke, dass es sicherlich bei dieser Frage eine Grenze des guten Geschmacks gibt, die nicht überschritten werden darf. Aber spannender fand ich noch den Gender Bezug im Werk. Es ist nicht weiter verwunderlich, dass der Atompilz mit Weiblichkeit assoziiert wurde, wo doch die Frau grundlegend immer mit Tod konnotiert ist.

Frau Senke: Ich glaube nicht, dass dieses Ding irgendetwas mit Gender zu tun hatte.

Herr Worms: Doch, auf jeden Fall! Aber finden Sie nicht auch, dass der Pilz vielmehr die Form eines Phallus hatte... ?

Moderator: Ich unterbreche Sie ungern, aber ich möchte mich inhaltlich erstmal von diesem speziellen Werk distanzieren und Frau Minne fragen, welcher Teil der Austellung sie denn am meisten angesprochen hat?

Frau Minne: Schwer zu sagen, aber vermutlich die Fotoreihe. Soll ich eben erklären, was das Werk darstellt?

Moderator: Das wäre sehr nett.

Frau Minne: Es handelt sich um eine Fotoreihe, einige Bilder sind schwarz-weiß, andere farbig. Es ist die Dokumentation einer Performance, in der die Künstlerin durch die Straßen einer belebten Stadt geht und dabei ein Maschinengewehr mit sich trägt. Ich fand dieses Werk besonders inspirierend, weil es mit den herkömmlichen Rollenbildern spielt und dadurch ein Aufbrechen der Gewohnheiten darstellt. So wird die Natürlichkeit und die Selbstverständlichkeit unserer Rollenzuschreibungen in Frage gestellt. Das übliche Opferbild der Frauen wird hier faszinierend aufgelöst. Das fand ich sehr erfrischend.

Moderator: Zum Schluss würde ich nun gerne noch auf ein drittes Werk mit Ihnen zu sprechen kommen, damit meine ich den Film, den wir ausschnittsweise zu sehen bekommen haben. Ich fasse das für unsere Leser noch einmal kurz zusammen: In der Ausstellung My War wird ein Film gezeigt, in dem ein Künstler ein Kriegsgebiet aufsucht und dort die Betroffenen interviewt, diesen allerdings auch die Möglichkeit gibt, selbst den Künstler zu filmen und sich zu ihm zu äußern. Außerdem gibt es immer wieder Szenen, in denen der Künstler sich selbst filmt und Liebesbotschaften an seine Freundin daheim sendet. Dieser Film hat aufgrund seiner eindeutig narzisstischen Neigung eine große Kontroverse unter den Ausstellungsbesuchern ausgelöst. Frau Minne, wie haben Sie das empfunden?

Frau Minne: Nun, ich finde den Film zunächst verstörend und abstoßend. Der Künstler hat keinerlei Interesse an den Menschen und ihrem Schicksal gezeigt. Er hatte nicht im Sinn, ihr Leben zu verbessern, was war also seine Intention? Es ist natürlich ein interessantes Experiment, aber es löst auch Verletzung aus und enttäuscht Hoffnungen. Gleichzeitig werden die Medien problematisiert, die uns auf die gleiche Weise informieren. Und wir kaufen das, weil wir informiert werden wollen. Diese Bilder sollen ja Aufmerksamkeit erregen und weinende Mütter mit Kindern haben eben eine andere Wirkung als Männer im Gefangenenlager. Diese emotionale Reaktion verkompliziert das Projekt zusätzlich. Und dass der Kollateralschaden bereitwillig in Kauf genommen wird, ist ethisch verwerflich.

Herr Worms: Ich bin da ähnlicher Meinung. Schlussendlich macht es für die Menschen, die dort gefilmt wurden, keinen Unterschied, ob es die Medien sind, die kommen und ihr Leben vor die Kamera zerren, ohne ihnen zu helfen, oder ob es ein Künstler ist, der durch seinen Narzissmus möglicherweise versucht, diese Medien bloßzustellen. Ich bezweifle sehr, dass seine Kunst ihnen geholfen hat.

Frau Senke: Ich gehe sowieso davon aus, dass dieser schreckliche Narzissmus nicht gespielt war.

Herr Klecken: Oh doch, da bin ich mir ziemlich sicher. Obwohl man wohl tatsächlich eine derartige Natur braucht, aber ich bin doch der Meinung, dass der Künstler wusste, was er da tut. Aber diese Verromantisierung des Werkes ... Ich verstehe nicht, was ein Heiratsantrag in einer Kriegsreportage zu suchen hat. Da frage ich mich doch, wer da mehr lächerlich gemacht wird: Die Freundin oder die Opfer des Krieges.

Herr Worms: Warum denn das Private aus dem Werk ausschließen, Herr Klecken?

Herr Klecken: Ich bitte Sie! Würden Sie etwa einen Antrag durch ein Kunstwerk bekommen wollen, das dann monatelang überall ausgestellt wird? Finden Sie das etwa romantisch?

Herr Worms: Durchaus, ja.

Herr Klecken: Also ich hoffe sehr, dass diese Freundin nur fiktiv war.

Moderator: So wie Sie es ja in gewisser Weise auch sind, Herr Klecken, nicht wahr? (Er lacht) Nun, ich danke Ihnen vielmals für Ihre Mühen, es war sehr nett, dass Sie heute, äh ... nicht hier waren. Liebe Leser_innen, ich hoffe Sie hatten Freude an unserer Talkrunde und konnten sich dadurch einen persönlicheren und vielschichtigeren Eindruck der Ausstellung machen, als durch das reine Betrachten des Katalogs. Es würde mich sehr freuen, wenn auch Sie sich bald selbst einen Eindruck von My War machen würden. Damit verabschiede ich mich für heute von Ihnen, Ihr Peter Schönlein.

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