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visual art – simple life

01. September 2000 - 30. September 2000

Auf Einladung des Edith-Russ-Hauses für Medienkunst kuratiert die polnische Kunsthistorikerin Maria Anna Potocka, die Ausstellung über aktuelle Video- und Medienkunst aus Polen.
Ihre Zusammenstellung unterschiedlicher Positionen betont die wechselseitigen Beziehungen des Multimedialen und des Alltäglichen.
Unter dem Begriff der "lebensähnlichen" Kunst, wie sie ihn für die Ausstellung "visual art - simple life" einbringt, wird die seit dem 20. Jahrhundert in der Kunst propagierte Annäherung von Kunst und Leben in einer neuen Perspektive thematisiert.
Durch die neuen Medien werden die Funktionen und Produktionsformen von Kunst völlig neu definiert. Das klassische Verhältnis von Objekt und Abbild wir durch die neuen Medientechnologien elementar in Frage gestellt.
Wirklichkeiten werden nicht mehr reproduziert, sondern generiert. Darüber hinaus ermöglicht die Arbeit in und mit technisch erzeugten Realitäten eine Anonymität, die den kreativen Akt unsichtbar erscheinen lässt. Die künstlerisch eindeutige Autorenschaft verliert an Bedeutung.


Maria Anna Potocka

DIE NEUEN MEDIEN UND DAS LEBEN

Bisher wahrte die Kunst immer Distanz zwischen sich und dem Leben. Sie versuchte, ein abgeteilter Bereich zu sein, der sich von den übrigen menschlichen Aktivitäten deutlich unterschied.
Dieser Grundsatz gilt auch immer noch. Doch neben der Kunst, die sich für autonom erklärt, taucht eine andere Kunst auf, die keine deutliche Trennung vom Leben sucht und sich gelegentlich geradezu bemüht, in es einzudringen, ohne dabei Spuren zu hinterlassen.
Ein autonomes Werk sagte geradeheraus: "Ich bin Kunst". Ein mit dem Leben verschmolzenes Werk muss erst "herausgelöst" werden, es bedarf der Aufmerksamkeit des Rezipienten oder eines Kontextes, der souffliert: "Betrachte mich wie Kunst".
Weshalb verzichten manche Künstler auf die Autonomie der Kunst und riskieren, dass sie anonym wird? Welchen Vorteil hat es, wenn die Spur der Einmaligkeit dem Gewöhnlichen und Alltäglichen gleich wird?
Es entstehen Kunstwerke, die dem "Leben" sehr ähnlich sind. Aber nicht die Ähnlichkeit ist ihre Intention, sie beabsichtigen nicht, das Leben imitieren. Die Ähnlichkeit ist hier lediglich eine Methode, eine List, manchmal eine Attacke.
Die Ähnlichkeit ist notwendig, weil es darum geht, kleine Unterschiede zu erschaffen oder zu provozieren. In lebensähnlichen Werken treten die Unterschiede durch die Präsenz eines "kleinen Ungereimtheit" zutage. Meist ist sie nur ein Touch, dessen subtile Absurdität auf alles ringsum übergreift und dazu zwingt, ein "normales" Phänomen von seiner absurden Seite zu sehen. Das vom Absurden angesteckte Alltägliche kann eine aktive Quelle der Reflexion sein.
Eine lebensähnliche Kunst verwendet viele Formen, wobei sie auf verschiedene Materialien und Zitate zurückgreift.
"Visual art - simple life", eine Ausstellung von fünf polnischen Künstlern, führt nicht sämtlicher Möglichkeiten der lebensähnlichen Kunst vor, nichtsdestoweniger versucht sie, deren Bandbreite und Vielseitigkeit anzuzeigen.
Es sind hier Arbeiten zu sehen, die sich Reklame, Politik, Bewachung, Transzendenz und Malerei beziehen.


Jaroslaw Kozlowski

Gallery of Contemporary Art - New Acquisitions 1997 - 2000 (Videoinstallation)

Diese Arbeit ist aus einem Dutzend oder mehr TV-Monitoren aufgebaut, die ein Reklamepotpourri aus der ganzen Welt präsentieren. Es entsteht ein üppiges Feuerwerk von Bildern, Farben, Anspielungen, Unterstellungen und Anregungen, ein Kaleidoskop von gedämpftem Sex, unbegründetem Enthusiasmus, schamlosem Entzücken, falschem Optimismus, Besitzerfreude und dem stupiden Gefühl, etwas Besseres zu sein.

Diese Filmbilder sind meist technisch fehlerlos, und hinter ihnen steht eine scharfe psychologische Analyse.
Jedenfalls machen sie hervorragend den Punkt aus, an dem sich der Mensch manipulieren läßt. Ein interessanter und zu denken gebender Teil der Reklame ist die Lüge als Programm, für die es eine allgemeine Akzeptanz gibt.

Man hält sie geradezu für ein Werkzeug. In einer Welt, in der alle vorgeben, die Wahrheit zu sagen, gibt die Reklamelüge zu denken. Es ist merkwürdig, daß ihr leichter geglaubt wird als der Politik, die große Anstrengungen unternimmt, um glaubwürdig zu erscheinen.


Aleksander Janicki

NON STOP (Semi-interaktive Installation)

Diese Arbeit sieht wie eine Pförtnerloge aus, von der aus per Video ein Gebäude bewacht wird. Mit Hilfe mehrerer Monitore lassen sich Ausstellungssäle observieren.
Man sieht die Ausstellung und vorbeigehende Menschen. Die klassische Situation eines modernen Gebäudeüberwachung. Von Zeit zu Zeit wird dieses ruhige Simultanbild durch einen Alarm in einem der Monitore gestört. Es stellt sich heraus, dass in der Garderobe ein Diebstahl verübt worden ist oder einer der Besucher einen Schwächeanfall bekommen hat, dass jemand irgendein Kunstwerk zerstört oder es zu einer Rangelei zwischen einem Besucher und den Wärtern kommt.

Im ersten Augenblick beeindrucken diese Situationen durch ihre Glaubwürdigkeit. Doch sie werden rasch entlarvt, und wir trauen ihnen nicht mehr.
Dieser Moment unterminiert das Vertrauen zu den anderen Bildern. Wir beginnen, sie in höchstwahrscheinlich wahre und höchstwahrscheinlich unwahre einzuteilen.
Dadurch erhöht sich die Wachsamkeit gegenüber Dingen, die bisher offensichtlich zu sein schienen.


Przemyslaw Jasielski

To see the voice of angels' wings - television version (Video Objekt)

Diese Arbeit arrangiert einen typischen bürgerlichen "Fernsehplatz". Es gibt einen Tisch, auf dem ein Fernseher steht und vor ihm einen bequemen Sessel. Auf dem Bildschirm ist eine märchenhafte Engelsfigur zu sehen.
Das Bild ist unscharf und hat die Flüchtigkeit einer Geistererscheinung an sich.
Der Engel schlägt mit den Flügeln, als wolle er etwas mitteilen, aber seine technische Unvollkommenheit, seine mediale "Entfernung" ist so groß, dass die Übertragung verschwimmt. Wir spüren das Bemühen, Kontakt aufzunehmen, doch es gibt keine Chance zur Verständigung.

Das Geheimnisvolle der Situation vergrößert sich, wenn wir einen Blick auf die Rückseite des Fernsehers werfen - es stellt sich heraus, dass er innen leer ist. Engel haben keine physische Existenz, vielleicht existieren sie überhaupt nicht, obgleich sie auf irgendeine Weise präsent zu sein scheinen.

Wenn man den Eindruck hat, dass sich alles visualisieren lässt, ist es schwer, nicht den Versuch zu unternehmen, einen "nichtexistenten" Engel sichtbar zu machen.
Und es erweist sich, dass wir bei einer technisch unzulänglichen, kein perfektes Bild erreichenden Projektion einen visuell "glaubwürdigen" Engel erhalten. Der Engel erscheint greifbar. Man kann sogar den Eindruck gewinnen, dass das Rauschen seiner Flügel zu hören ist.


Wilhem Sasnal

Pictures from computer (Ölgemälde)

Diese Arbeit umfasst eine Serie von Ölbildern, die Szenen aus Computerspielen oder Illustrationen aus dem Internet darstellen. Die Bilder sind auf die einfachste nur mögliche Art und Weise gemalt. Sie enthalten ausschliesslich wesentliche Kürzel.

Hinter jedem Effekt steht eine einzige Bewegung - eine leichte, vorhersehbare, mühelose Bewegung. Die Art der bildlichen Wiedergabe spricht der geltenden Stellung der Malerei hohn. Hier gibt es kein Ringen mit der Form. Das Bild wird nachlässig, quasi mit automatischer Leichtigkeit abgerufen.

Dadurch wird das Bild auf die Rolle eines einfachen Kommentars reduziert. Es ist realistisch und wahrt gegenüber der eigenen Wirklichkeit Neutralität. Diese Wirklichkeit sind die auf dem Bildschirm auftauchenden Landschaften und Situationen.


Wiktoria Cukt

President of 2001 (Interaktive Installation)

POLITICS ARE REDUNDANT

Diese Arbeit kann in Form einer Kundgebung oder eines Wahlkampfbüros gezeigt werden. "Politiker sind überflüssig" - das ist die Losung dieser Künstlerpolitik.
Entgegen der Losung kreiert diese Arbeit Politik. Wiktoria ist eine virtuelle Politikerin, die visuell so präpariert wurde, dass sie die fundamentalen Erwartungen der Rezipienten erfüllt. Wiktoria ist eine gutaussehende Frau. Man spürt ihre Entschlossenheit. Hinter der Ruhe in ihrer Augen verbirgt sich Zielbewusstsein. Ihr Make-up und ihre Frisur zeugen von ihrem Selbstwertgefühl.

Der reiche Schmuck belegt, die sie wohlhabend genug ist, um uneigennützig zu regieren. Sie vereint in sich alles, was bei Männern gross und bei Frauen schön ist. Sie hat grosse Chancen, gewählt zu werden. Das einzige Problem besteht darin, dass sie nicht existiert.
Das Arrangement dieser politischen Aktion besitzt alle Attribute der Authentizität. Es gibt Flugblätter, Plakate, Transparente, Wahlzettel, die Figur der Kandidatin erscheint auf dem Bildschirm. Dabei macht niemand einen Hehl daraus, dass die Kandidatin erfunden ist. Das tut der Aktion jedoch keinen Abbruch, die Wähler glauben an Wiktoria. Sie ist real genug, um Politikerin zu spielen.


Zur Ausstellung ist ein dreisprachiger Katalog erschienen (deutsch, engl., poln.). Er kann im Edith-Russ-Haus bestellt werden (Preis 18 DM, zuzgl. Versandkosten).

Die Ausstellung wurde gefördert durch die TREUHAND OLDENBURG UND PARTNER OHG WIRTSCHAFTSPRÜFUNGSGESELLSCHAFT, STEUERBERATUNGSGESELLSCHAFT

Edith-Russ-Haus für Medienkunst, Katharinenstraße 23, D-26121 Oldenburg, Tel.: +49(0)441/235-3208, Fax.: +49(0)441/235-2161
Öffnungszeiten: Dienstag - Freitag 14 - 18 Uhr, Samstag - Sonntag 11 - 18 Uhr, Montag geschlossen info@edith-russ-haus.de
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