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StipendienArchivArbeitsstipendien 2008Ermöglicht durch die Stiftung Niedersachsen hat das Edith-Ruß-Haus für Medienkunst für das Jahr 2008 drei sechsmonatige und mit 10.000 Euro dotierte Arbeitsstipendien vergeben. Auf die internationale Ausschreibung erfolgte wieder eine sehr hohe Anzahl von Bewerbungen (431). ![]() Die Stipendiaten 2008 sind: Petko Dourmana (Bulgarien) Die Jury
![]() Die Jury 2008: Sabine Himmelsbach, Warren Sack, Stephan Urbaschek, Annette Schindler, Susanne Jaschko (v.l.n.r.)Dr. Susanne Jaschko, Kuratorin für Medienkunst am Netherlands Media Art Institute, Amsterdam
Warren Sack, Juniorprofessor am Institut für Film und Digitale Medien der University of California, Santa Cruz
Annette Schindler, Leiterin [plug.in], Basel
Dr. Stephan Urbaschek, Senior-Kurator für Ausstellungen und Medienkunst der Sammlung Goetz, München
Sabine Himmelsbach, Edith-Ruß-Haus für Medienkunst, Oldenburg Die Stellungnahme der Jury zu den Preisträgern
In seinem vorgeschlagenen Projekt "Post Global Warming Survival Kit" plant der bulgarische Künstler Petko Dourmana die Realisierung einer Multimedia Installation, die den Arbeitsplatz einer Person nachbildet, die den Streifen zwischen Meer und Land in einer fiktionalen postapokalyptischen Landschaft bewacht. In Dourmanas Fiktion herrscht ein "nuklearer Winter", in dem die Oberfläche der Erde komplett mit Asche bedeckt ist und der von dubiosen politischen Gruppierungen oder Regierungen als Lösung des Problems der globalen Erderwärmung herbeigeführt worden ist. Vor dieser Kulisse will Dourmana die Sehkraft des Betrachters verändern. Er setzt dazu Digitalkameras ein, um so das Sehspektrum durch den Einbezug von Infrarot-Licht zu erweitern. So bietet er dem Betrachter die Möglichkeit, andere visuelle Welten oder Teile unserer Wirklichkeit zu erfahren, die ohne die technischen Hilfsmittel nicht sichtbar sein würden. Die Jury anerkennt die Vorstellung, dass Dourmana uns mit seiner Installation ökologische Veränderungen bewusst machen will, die auch durch für uns nicht sichtbare Umweltverschmutzung und Umweltzerstörung verursacht werden. Seine Installation zielt darauf ab, eine fiktionale Szene mit technologischen Apparaten und den eingeschränkten Möglichkeiten unserer Sinne in Zusammenhang zu bringen. Ohne die Technologie würden wir in einer mit Asche bedeckten Welt blind sein. Voller Ironie konstatiert Dourmana den "nuklearen Winter" als einziges Konzept, das der Mensch sich hat einfallen lassen, um die globale Erderwärmung zu verhindern: ein dystopischer Blick auf die Politik und unsere Zukunft.
In ihrer Arbeit widmet sich die amerikanische Künstlerin Kristin Lucas dem Thema Transformation und Porträt. Dabei flößt sie jedoch weniger der Maschine Menschlichkeit ein, sie wendet vielmehr die Vorgehensweise der elektronischen Medien auf ihr eigenes Leben an. Kürzlich hat sie beim Obersten Gericht Kaliforniens mit Erfolg den Antrag gestellt, ihren Namen von "Kristin Sue Lucas" zu "Kristin Sue Lucas" ändern zu dürfen. In ihrem für die Zeit des Stipendiums vorgeschlagenen Projekt, das sie "kl_v2" übertitelt hat, wird sie bestimmte Strategien durchleben, um die Implikationen, Begrenzungen und Vorzüge besser zu verstehen, die es mit sich bringt, die gegenwärtigste Version ihrer selbst zu sein. Dokumentationen, Beobachtungen und Konsultationen von Experten für das Urheberrecht, für genetische Wissenschaft, Philosophie, Medientheorie und Ähnliches kulminieren dabei in einer Vielzahl künstlerischer Projekte (Weblog, Podcast, Videos, ein allumfassendes Buch und eine Begleit-DVD). Lucas inszeniert eine neue "Version" ihrer selbst, indem sie sich wie eine Website immer wieder aktualisiert. Die Jury war beeindruckt von ihrer Erkundung der Technologie wie ein "zweites Ich". Indem sie einen digitalen Mechanismus auf sich selbst anwendet, interpretiert sie diese Metapher geradezu und öffnet sie für eine breitere Fragestellung. Ihr Projekt wurzelt in einem rechtlichen Kontext, berührt jedoch eine Anzahl von Faktoren, die die technologischen Gegebenheiten unserer Welt beeinflussen. Sie untersucht Identität, indem sie die technischen Prozesse von Innovation und Kreation auf die Fragen der menschlichen Erneuerung überträgt. "Was", so fragt sie, "stellt die Technologie mit uns an?"
Die deutsche Künstlerin Cornelia Sollfrank produziert Kunst, die Fragen des Copyrights anspricht. Mit "Déjà Vu: First Plagiarism Detection Software for Fine Arts" schlägt Sollfrank ein im Internet verankertes Software Projekt vor, das Kunstplagiate aufspüren kann. Die digitalen Datenbanken des World Wide Web machen es heute ganz einfach, Inhalte zu stehlen, indem vorgefundene Erzeugnisse durch Kopieren und Einfügen in neue Kontexte übernommen werden. Das Phänomen des Plagiats ist so zu einem Bestandteil des alltäglichen Lebens geworden, insbesondere in den Bereichen der Universitäten und Softwarefirmen. Die Software von Sollfrank nutzt, um Kunstplagiate zu ermitteln, Algorithmen der Bioinformatik, die ursprünglich entwickelt wurden, um Genommuster abzugleichen. Auf diese Weise wird ihre Arbeit ein Werkzeug wissenschaftlicher Messtechnik für einen Bereich zur Verfügung stellen, in dem bislang Beliebigkeit vorherrscht. In einer Remix-Kultur erscheint die Frage nach der Authentizität der Kunst geradezu absurd. Die Vorstellung vom Künstler, der seine Werke aus dem Nichts erschafft, ist obsolet. Und dennoch verheißt uns Sollfranks ironischer Ansatz ein Verfahren, um Original und Kopie zu unterscheiden. Sie bringt uns dazu, die Kulturgeschichte und komplette Vorstellung von den künstlerischen Beeinflussungen zu überdenken, indem sie das Konzept künstlerischer Authentizität dekonstruiert. Ihr Projekt erlöst uns von der Furcht vor Beeinflussung, indem es die Unmöglichkeit aufzeigt, überhaupt etwas Authentisches zu schaffen. |
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