Arbeitsstipendium für 2006


Stipendienvergabe des Edith-Ruß-Hauses für Medienkunst 2006
Musikproduktion mittels Wireless Lan und Computer, ein Spielplatz als Mittelpunkt einer Videoinstallation und ein "Big Book Crime": Die neuen Stipendiaten des Edith-Ruß-Hauses für Medienkunst haben spannende Projekte mit nach Oldenburg gebracht! Am 25. Juli stellten sich Annina Rüst, Corinna Schnitt und Hans Bernhard (ubermorgen.com) der Öffentlichkeit vor, gaben Einblicke in ihr bisheriges Schaffen und präsentierten die Konzepte ihrer neu geplanten Arbeiten. Das Edith-Ruß-Haus möchte mit der Auswahl der Stipendiaten die vielfältigen Arbeitsweisen und Auseinandersetzungen mit Medienkunst aufzeigen: Neben der geplanten Videoinstallation zum Thema Freizeit und Spiel von Corinna Schnitt setzt sich Annina Rüst mit der gemeinschaftlichen Produktion von Musik mittels Computer auseinander und lädt das Publikum zur aktiven Teilnahme ein. Hans Bernhard und die Künstlergruppe ubermorgen.com beschäftigen sich mit den Urheberrechten und Copyright-Problemen im globalen Netz, einem aktuellen und brisanten Thema, das sie mit Hilfe eines Software-Robots auf den Prüfstein stellen wollen. Die Vergabe der drei 6-monatigen und mit 10.000 Euro dotierten Arbeitsstipendien des Edith-Ruß-Hauses werden durch die Stiftung Niedersachsen ermöglicht. Auf die internationale Ausschreibung folgte eine hohe Anzahl von Bewerbungen: Insgesamt 322 Künstler von Australien bis Kanada und von Mexiko bis in die Schweiz bewarben sich auf die begehrten Stipendien. Eine Jury, bestehend aus Susanne Binas-Preisendörfer (Carl-von-Ossietzky Universität Oldenburg), Michael Conner (British Film Institute, London), Sabine Himmelsbach (Edith-Ruß-Haus für Medienkunst Oldenburg) und Karin Ohlenschläger (Medialab Madrid), wählte die Künstler aus, die für sechs Monate in Oldenburg leben und arbeiten werden.




Die Jury



Michael Conner, British Film Institute, London
Susanne Binas-Preisendörfer, Carl-von-Ossietzky Universität, Oldenburg
Karin Ohlenschläger, Medialab Madrid, Madrid
Sabine Himmelsbach, Edith-Ruß-Haus für Medienkunst, Oldenburg


Die Entscheidung der Jury
ubermorgen.com (Lizvlx / Hans Bernhard) für das Projektvorhaben "Amazon Noir – The Big Book Crime"
Annina Rüst für das Projektvorhaben "Rock'n Scroll"
Corinna Schnitt für die Realisierung einer Videoinstallation (bisher noch ohne Titel)


Die Stellungsnahme der Jury zu den Preisträgern

ubermorgen.com, "Amazon Noir – The Big Book Crime"

Stipendiat Hans Bernhard von ubermorgen.com
Stipendiat Hans Bernhard von ubermorgen.com

ubermorgen.com plant eine subversive Online-Arbeit, welche die widersprüchliche Art und Weise hinterfragt, in der Urheberrecht angewendet wird. In der Ästhetik des 'Film Noir' und mit einem entsprechenden Plot sowie passenden Protagonisten wird ein Projekt entwickelt, das das Entwenden und die Redistribution von urheberrechtlich geschützten Büchern von amazon.com 'legal' ermöglicht. Ein programmierter Software-Robot wird Amazons "Search Inside the Book" Systematik überlisten und kann komplette Bücher aus dem Netz laden. Die Website und Handlungsstruktur funktioniert im Stil eines ‚Film Noir'.
ubermorgen.com versucht auf die Scheinheiligkeit der Lobby für digitales Urheberrecht hinzuweisen. Vorhergehende Arbeiten der Gruppe haben marktführende Medien-Verkaufsportale infiltriert und so die Themen Bürgerrechte, Patent- und Urheberrecht sowie Demokratie im digitalen Zeitalter einem breiten Publikum zugänglich gemacht. Das vorgeschlagene Projekt tritt in einen direkten Austausch mit Institutionen der Medien-, Rechts- und Geschäftswelt und deren Verkaufspolitik. Die Arbeit ist eine performative Medienaktion und reiht sich damit in die kunsthistorische Tradition von Happenings und Performance-Aktivitäten ein. Das Projekt ist so angelegt, dass die Provokation und Reaktion von konventionellen Medien und Geschäftswelt bereits mitkonzipiert und ausdrücklich geplant ist.

Amazon Noir ist ein ubermorgen.com, Paolo Cirio und Alessandro Ludovico Projekt.

zur Person:
Hans Bernhard (Jahrgang 71), Gründungsmitglied von ubermorgen.com, lebt und arbeitet in Wien und St. Moritz. Er studierte Visuelle Kommunikation, digitale Kunst, Kunstgeschichte und Ästhetik in Wien, San Diego, Pasadena und Wuppertal.


Annina Rüst, "Rock'n Scroll"

Stipendiatin Annina Rüst
Stipendiatin Annina Rüst

Das Projekt "Rock'n Scroll" bietet eine Softwarestruktur für spontane Tanzveranstaltungen in Räumen, die mit einem Wireless Internetzugang ausgestattet sind. Klänge werden mittels Laptop, Computer Accessoires und Mobiltelefonen gesampelt. Diese Geräte dienen als Empfänger und Transmitter von Klängen und lassen ein auf alle Mitspieler verteiltes Klangenvironment entstehen.
Das Projekt dient der Entwicklung eines Softwareprogramms mit einer kreativen, innovativen und partizipatorischen Kommunikationsapplikation. Es reflektiert die beginnende Vermengung von Produktion und Konsumption von Musik, indem es kollektive Hör- und Tanzumgebungen schafft, in denen jeder zum DJ wird. Eine öffentliche Klanglandschaft entsteht durch soziale Interaktion mit Mobilfunktechnologie und drahtlosen Netzwerksystemen. "Rock'n Scroll" bittet uns, von unseren Bildschirmen aufzublicken und körperlich mit unserer Umwelt zu interagieren.

zur Person:
Die gebürtige Schweizerin Annina Rüst (Jahrgang 77) studierte an der School of Art and Design in Zürich und ist seit 2004 am Department of Visiual Arts der University of California in San Diego beschäftigt. Sie lebt in La Jolla, Kalifornien.


Corinna Schnitt

Stipendiatin Corinna Schnitt
Stipendiatin Corinna Schnitt

Corinna Schnitts geplante Videoinstallation wird sich inhaltlich mit den Fragen nach Heimat, privatem Glück, Freizeit, Arbeit und Wohlstand beschäftigen. Familien unterschiedlicher ethnischer Herkunft, aus verschiedenen Kulturen und gesellschaftlichen Kontexten werden in einem Spielplatz-Setting zu einem Picknick eingeladen – der Alltag spielt sich in einer verfremdeten Umgebung ab. Die Ergebnisse dieser Begegnungen werden von der Künstlerin in einer Videoinstallation umgesetzt.
Schnitts Arbeit ist ein Porträt sozialen Verhaltens und sozialer Interaktion. Sie deckt die implizite Ideologie des häuslichen Raumes und der Freizeit auf. Dabei geht sie mit einem Sinn für Humor ans Werk, den sie mit einem Sinn für das Absurde mischt. Kombiniert mit einer strengen formalen Herangehensweise prallen so Realismus und Absurdität aufeinander. Ihre Arbeit befasst sich mit der Frage, wie wir unsere Realität konstruieren. Vorstellung und Erwartungshaltung werden mit sozialem Kontext und sozialem Verhalten konfrontiert. Ihr performatives Video-Environment führt verschiedene Stränge der Videogeschichte zusammen; Corinna Schnitt entwickelt eine Verflechtung der verschiedenen Traditionen.

zur Person:
Die Künstlerin Corinna Schnitt (Jahrgang 64) lebt und arbeitet in Köln und Berlin. Nach einer Ausbildung zur Schnitzerin studierte sie an der Hochschule für Gestaltung in Offenbach und an der Kunstakademie Düsseldorf.