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On Building Nations

19. August - 23. Oktober 2016

Doppelausstellung von Mahmoud Khaled und Szabolcs KissPál im Edith-Russ-Haus

 

Die thematische Doppelausstellung On Building Nations von Mahmoud Khaled und Szabolcs KissPál beschäftigt sich mit der Idee und den komplexen Mechanismen der Konstruktion nationaler Identitäten. Beide Künstler kommen aus schwierigen politischen Kontexten - Ägypten und Ungarn -, wo ihre Arbeit stark durch gesellschaftliche Umfelder beeinflusst wird, die von Umwälzungen und Unruhen geprägt sind. Ihre Kunst erforscht mit kreativen Mitteln die Vergangenheiten dieser Länder. Sie lädt das Publikum ein, über unsere aktuelle globale Lage nachzudenken, in der Probleme auf der internationalen Ebene die Narrative nationaler Konstrukte infrage stellen und dadurch die Beziehungen zwischen ihnen radikal verändern. Beide Projekte arbeiten damit, die White-Cube-Ausstellungsräume des Edith-Russ-Hauses umzugestalten und neu zu definieren, indem sie das Obergeschoss des Hauses in ein Denkmal und das Untergeschoss in ein museumsartiges Environment verwandeln, das Platz für Videos, Fotografien und Objekte bietet.

The New Commission for an Old State, eine neue ortsspezifische Ausstellung von Mahmoud Khaled, die formale und konzeptuelle Ähnlichkeiten mit einem Denkmal aufweist, schafft den architektonischen Rahmen für die komplexe Erzählung der neuen Werkgruppe des Künstlers. Khaleds auf Recherchen beruhende künstlerische Strategie konzentriert sich auf zwei ikonische Artefakte aus dem ägyptischen Kontext. Das eine ist die Gated Community Maamoura in Alexandria, die kurz nach der Machtübernahme durch Gamal Abdel Nasser als Sommerresort vom Staat errichtet wurde, um die neue Elite des (nach 1952) „neu definierten“ Ägypten aufzunehmen - ein bedeutendes, aber leider kaum erforschtes modernes Baudenkmal dieses Landes. Das andere Artefakt ist der Film A Man in My Life (1961) von Youssef Chahine, ein Remake von Douglas Sirks Magnificent Obsession (Die wunderbare Macht) aus dem Jahr 1954. Die Dreharbeiten zu A Man in My Life, ein in Chahines Filmografie eher unbekanntes Werk, begannen in Maamoura wenige Monate nach der offiziellen Eröffnung 1959. Die Story dreht sich um das Leben eines fiktiven Architekten, der für seinen bemerkenswerten modernistischen Stil bekannt ist und eines der Gebäude von Maamoura entworfen haben soll, das in der Anfangsszene des Films als Hintergrund dient. Diese Figur wird als Kämpfer für soziale Gerechtigkeit dargestellt, der eine herausgehobene Stellung erhält, um sein Ziel zu erreichen; doch aufgrund zurückliegender Vergehen betrachtet er sich für die längste Zeit seines Lebens als einen Verbrecher. Chahines Film handelt von Liebe, Gewalt, Modernität, Gerechtigkeit und Heldentum sowie von der Architektur und dem damaligen politischen Kontext Ägyptens. Auch Khaleds neue Werkgruppe streift diese Themen metaphorisch durch den Einsatz von Baustoffen wie Glas und Marmor (ein Material, das bei den meisten staatlichen Bauprojekten der vergangenen dreißig Jahre in Ägypten weithin Verwendung fand); diese werden zusammen mit Fotografien, Texten, Screenshots, Wandmalereien und im Internet gefundenen Videos in einer inszenierten, denkmalartigen Installation präsentiert. Die Thematik dieser Ausstellung geht zurück auf das dringende, anhaltende Bedürfnis des Künstlers, die Beziehung zwischen seiner Generation und den Mächten, die das Land in den vergangenen 64 Jahren regiert haben, zu verstehen. Es ist dieselbe Generation, die in jüngster Zeit unter Einsatz ihres eigenen Lebens versucht hat (und weiterhin versucht), ihre eigene Version des „Neuen Ägyptens“ zu schaffen.


Szabolcs  KissPál, Amourous Geography, Video, 2012, Standbild © (Szabolcs KissPál) VG Bild-Kunst Bonn, 2016

From Fake Mountains to Faith (Hungarian Trilogy) ist ein Doku-Fiction-Projekt von Szabolcs KissPál, dessen zwei letzte Episoden vor Kurzem als Auftragsarbeit des Edith-Russ-Hauses fertiggestellt wurden. Das Projekt führte ältere Arbeiten des Künstlers weiter, die politische Gemeinschaften nicht als ererbt oder essenzialistisch betrachten, sondern sie als komplex konstruierte Einheiten erforschen. Mithilfe verschiedener Medien und Darstellungstechniken zitiert und manipuliert KissPál eine Reihe problematischer und veränderlicher Symbole, die danach streben, eine einheitliche und ziemlich repressive Vorstellung von der ungarischen Nation zu erzeugen. Im Mittelpunkt seiner Recherchen steht die autoritäre, „illiberale“ ungarische Staatspolitik: Das Projekt zielt darauf ab, die Anatomie der politischen und kulturellen Philosophie, die ihre ideologische Grundlage bildet, zu beschreiben, zu analysieren und in eine internationale Perspektive zu stellen.
 
KissPáls Ausstellung umfasst zwei Doku-Fiction-Videos (Amorous Geography, 2012, und The Rise of the Fallen Feather, 2016) sowie eine Installation (The Chasm Records, 2016), die eine fiktive Museumssituation präsentiert. Diese Arbeiten stellen innerhalb eines umfassenderen historischen und kulturellen Bezugsrahmens Verbindungen zwischen den drei wichtigsten Elementen der weiter oben erwähnten Philosophie her: der Symbolik der „ethnischen Landschaft“ und der politischen Geografie, der romantischen Geschichtsschreibung nationaler Ursprungsmythen und dem Turanismus als einer sich neuerdings wieder verbreitenden Form von politischer Religion.

Amorous Geography, der erste Teil der Hungarian Trilogy, handelt von einem der hartnäckigsten - wenn auch verdrängten - Motive der ungarischen historischen Erinnerung: das nationale Trauma, das durch den Vertrag von Trianon (1920) ausgelöst wurde. Zusammen mit dem Holocaust an den ungarischen Juden übte dieses Ereignis einen nachhaltigen Einfluss auf die Entwicklung der ungarischen Gesellschaft aus, prägte ihre gesellschaftspolitischen Strukturen, definierte ihre kulturellen Einstellungen und schürte ihre soziokulturellen Frustrationen im gesamten 20. Jahrhundert und bis in die Gegenwart.

Die Assoziationskette historischer Zitate in The Rise of the Fallen Feather lenkt den Blick darauf, wie die Symbolik eines Fabelwesens - des mythologischen Vogels Turul - die ungarische Geschichte des 20. Jahrhunderts beeinflusste; die ebenso anmestische wie magische kollektive Erinnerung an dieses Fabelwesen verweist zurück auf die ferne Vergangenheit und reicht über die Gründung des Turul-Verbandes 1919 bis zur aktuellen Ideologie von „Blut und Mutterland“. Das Video betrachtet die Struktur der Turul-Ikonografie als etwas, das aus der historischen Zeit heraustritt und in den Bereich des politischen Mystizismus übergeht.

The Chasm Records wählt die Form einer Museumsausstellung und präsentiert Fundstücke einer fiktiven archäologischen Grabung. Durch Verweise auf historische Objekte und Relikte aus der ungarischen Zwischenkriegszeit wird die politische Formierung der Nation aufgedeckt - ein Prozess, der sich in der ungarischen Gesellschaft bis heute fortsetzt. Die erzählerische Präsentation archäologischer Objekte identifiziert die beiden wichtigsten konstitutiven Elemente der Nationenbildung: das Instrument der politischen Religion und die Zielsetzung des Ausschlusses aus dem kollektiven Gedächtnis.

Mahmoud Khaled und Szabolcs KissPál waren Stipendiaten für Medienkunst der Stiftung Niedersachsen am Edith-Russ-Haus 2015.

Gefördert durch

 

 

Thomas Mohr: 544/544 (up/down)

Soloausstellung im Pulverturm, Schloßwall
13. August 2016 - 18. September 2016
Eröffnung: 12. August 2016, 19:00 Uhr
Pressegespräch: 11. August 2016, 11:00 Uhr

Öffnungszeiten Fr 14-18h, Sa und So 11-18h (am Samstag, 10. September, der Nacht der Museen von 11-24h)


544/544 (up/down)
von Thomas Mohr ist eine faszinierende Visualisierung der Orgelmusik der Hamburger Konzeptkünstlerin und Komponistin Hanne Darboven (1941-2009). Sowohl die Musik Hanne Darbovens als auch die Videoinstallation Thomas Mohrs wurden in Sankt Petri aufgenommen, der ältesten bestehenden Kirche in der Hamburger Innenstadt.

Die mathematisch strenge Musik Darbovens, die, vereinfacht gesagt, auf der Umsetzung von Kalenderdaten in Zahlen und von Zahlen in Noten basiert (und dabei ihr Vorbild Johann Sebastian Bach nie verleugnet), wird in dem Werk Mohrs ebenso mathematisch konzeptionell auf die Architektur übertragen, in der die Musik aufgenommen wurde.

Das Video basiert auf 1528 digitalen Fotografien, von denen 544 jede Stufe Sankt Petris bis zur Kirchturmspitze hinauf und 544 jede Stufe hinunter repräsentieren. In einem komplexen Verfahren werden die Bilder zu der Musik Darbovens animiert: Zunächst sieht man 4 Bilder nebeneinander, dann 9, 16, 25, 36, 49, 64, 144 bis hin zu einer scheinbar unendlichen Reproduktion von Bildern in Bildern. In jedem der immer kleiner werdenden Einzelbilder sieht man eine stakkatoartige Animation der Fotografien; zusammengenommen ergeben sie eine komplexe, visuell wie akustisch überwältigende Interpretation von Musik und Architektur.


Thomas Mohr, 544/544 (up/down), Niederlande 2011, Einkanal-Videoinstallation
Musik: Hanne Darboven, Requiem Opus 22 Buch 56. Orgel: Thomas Dahl

Die Installation von 544/544 (up/down) im Pulverturm nimmt die Verbindung von Musik und Architektur auf und überträgt sie in ein weiteres historisches Gebäude. Das zentrale Motiv der Treppe wird dem Betrachter durch den Zugang zum Pulverturm bewusst, der ebenfalls über eine Treppe erfolgt. Die gleichermaßen analytische wie suggestive Musik Darbovens verdrängt den Straßenlärm des Stadtwalls und entführt den Betrachter in eine Welt, die einen Bogen von der Zahlensymbolik barocker Musik über Konzeptkunst bis hin zu computergenerierten Bildkompositionen spannt.


Der Oldenburger Pulverturm

Thomas Mohr wurde 1954 in Mainz geboren. Seit den späten 1980er Jahren macht er Installationen und Filme, die sich mit Wahrnehmungsprozessen in Bezug auf moderne Kunstgeschichte (Konzeptkunst und Minimal Art), sowie die Entwicklung der Medien (von der frühen Filmgeschichte bis zur Transformation von Information in Speichern) beziehen. In seinem Werk entwickelt er eine Symbiose von computergenerierten Prozessen und handwerklicher Arbeit auf der Basis eines beständig wachsenden Fotoarchivs mit zur Zeit mehr als 500.000 Bildern. Seine Werke wurden in renommierten Institutionen gezeigt, wie unter anderem: International Film Festival Rotterdam; Ars Electronica, Linz, transmediale, Berlin; Les Recontres International, Paris/Berlin/Madrid, Japan Media Arts Festival, Tokio; Media Art Biennale Wro, Wroclaw; Stedelijk, Amsterdam. Thomas Mohr lebt und arbeitet in Amsterdam.


Gefördert durch

Edith-Russ-Haus für Medienkunst, Katharinenstraße 23, D-26121 Oldenburg, Tel.: +49(0)441/235-3208, Fax.: +49(0)441/235-2161
Öffnungszeiten: Dienstag - Freitag 14 - 18 Uhr, Samstag - Sonntag 11 - 18 Uhr, Montag geschlossen info@edith-russ-haus.de
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